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Das
Ende ist nah
Besetzte Häuser in Berlin sollten unter Artenschutz stehen.
Das Gegenteil ist der Fall
von Bernd Hettlage
Vom Ende bleibt
dieses Bild: Die Bewohner der Yorkstraße 59 in Kreuzberg werden
in ihrem eigenen Hof von der Polizei zum Niederknien gezwungen. Hinter
ihnen stehen die maskierten Uniformierten mit ihren Helmen und den ausgepolsterten
Schutzwesten, die ihre Oberkörper aufblähen, als wären
sie allesamt Muskelmänner vom Typ Schwarzenegger. Lachende Dritte
waren der Hauseigentümer Marc Walter und sein Verwalter Gregor Boris
Marweld. Die hatten, wie man so schön sagt, „das Recht auf
ihrer Seite“: Sie besaßen einen Räumungstitel. Den setzte
die Staatsgewalt für sie durch – und zwang die Bewohner in
die Knie. Auf der Strecke blieb ein 16 Jahre altes Hausprojekt.
Der kalte Wind des globalisierten Marktes weht ja längst auch durch
Berlins Alternativbiotope. Vorbei die idyllischen Zeiten, als mit einem
vom Senat bezahlten Selbsthilfeprogramm über 300 ehemals besetzte
Häuser von ihren Bewohnern saniert werden konnten. Oder als mit einem
vom Land aufgelegten Förderprogramm für Genossenschaften die
Wohnblocks der Bremer Höhe in Prenzlauer Berg den schon weit aufgerissenen
Investorenmäulern entrissen und stattdessen den Mietern übergeben
werden konnten. Solche Programme sind längst alle eingestellt, das
Land hat kein Geld mehr. Zwar gibt es mit Ralf Hirsch von der Senatsverwaltung
für Stadtentwicklung noch einen so genannten „Sonderbeauftragten
für Problemhäuser“, doch mehr als beraten kann er nach
eigenen Angaben nicht mehr.
Immerhin, wo es um den Verkauf von Häusern der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften
geht, räumt der Senat den Mietern zumindest ein Vorkaufsrecht ein
– fast immer. Bei der Übernahme der 65000 Wohnungen der Gemeinnützigen
Siedlungs und Wohnbaugesellschaft (GSW) durch die US-amerikanischen Fondsgesellschaften
Whitehall und Cerberus vor fast genau einem Jahr unterließ man das.
„Die GSW war einfach zu groß dafür“, sagt Steffen
Zillich, PDS-Senatsabgeordneter aus Friedrichshain-Kreuzberg. Wie Ralf
Hirsch war er auch an den Verhandlungen mit der Yorkstraße 59 beteiligt.
Die US-Fonds haben inzwischen einen Gutteil der GSW-Immobilien mit Gewinn
weitergereicht. Solche Spekulationen fürchtet man nun auch im „Waldekiez“
in Kreuzberg. Die landeseigene BEWOGE will in dem Gebiet um die Naunyn-
und Waldemarstraße 23 Häuser mit 300 Wohnungen veräußern.
Hier haben die Bewohner zwar das Vorkaufsrecht, nur fehlt ihnen das Geld
dazu. Mittlerweile arbeitet die Betroffenengemeinschaft Waldekiez an einem
Stiftungsmodell. „Wir bleiben alle!“ heißt der Slogan
der Betroffenengemeinschaft, ganz ähnlich dem „York 59 bleibt!“
der 60 Yorkstraßen-Bewohner. Sie wollten ihr Haus ja auch kaufen
– und zwar mit Hilfe des Freiburger Mietshäuser Syndikats.
Nur räumte ihnen niemand ein Vorkaufsrecht ein.
Das Syndikat, eine Gründung
aus Freiburger Hausbesetzer-Kreisen, ist mittlerweile so etwas wie der
letzte Rettungsanker für Berliner Hausprojekte. Allein vier ex-besetzte
Häuser schlüpften in den letzten anderthalb Jahren dort unter.
Das Syndikat bietet ihnen unter anderem ein Finanzierungsmodell, für
das kaum Eigenkapital notwendig ist. Sind Kauf und Sanierung erfolgreich
abgeschlossen, zieht es sich auf eine Wächterfunktion zurück:
Es achtet nur noch darauf, dass die Häuser nicht vermarktet werden.
Ansonsten können die Bewohner mit ihrem Gebäude machen, was
sie wollen. „Die Häuser“, sagt Stefan Rost vom Syndikatsbüro,
„werden auf diese Weise dauerhaft dem Immobilienmarkt entzogen.“
Dass sich ihr Haus überhaupt
auf dem Markt befindet, erfuhren die Yorksträßler im Juli 2003
nur durch Zufall – eine Woche vor dem Termin der Zwangsversteigerung.
Der Hauptgläubiger, die SEB-Bank, hatte sie nicht darüber informiert.
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Doch beim ersten Versteigerungstermin
fand sich kein Käufer. Die Bewohner nahmen mit dem Syndikat Kontakt
auf und legten der Bank am 22. Dezember ein Kaufangebot vor. Die lehnte
ab: Man verhandele bereits mit einem anderen Interessenten. In Wirklichkeit
hatte sie das Haus genau zwei Tage vorher an den Hamburger Immobilienhändler
Marc Walter verkauft. Als dessen Verwalter trat der Berliner Gregor Boris
Marweld auf. Der war Monate zuvor schon einmal als Kaufinteressent in
der Yorkstraße aufgetaucht und war daraufhin von den Bewohnern aufgeklärt
worden, dass sie das Haus selbst erwerben wollten. Was Walter und Marweld
offensichtlich nicht störte.
Die erste Amtshandlung des Duos: Eine Mieterhöhung um fast 100 Prozent.
Die Yorksträßler lehnten ab und eine lange Kette aus Verhandlungen,
Vermittlungsbemühungen durch Bezirk und Senat, Kündigungen und
Räumungsklagen begann. Walter zeigte sich dabei stur: Entweder wollte
er die Mieterhöhung oder aber für das Haus 2,5 Millionen Euro
bekommen. Das sei die Summe, die er investiert habe. Bezahlt hat er allerdings
nur knapp 1,5 Millionen. Ein schönes Geschäft.
Seit Dezember 2004 besaß Walter einen Räumungstitel für
die Yorkstraße 59. Weiteren Verhandlungen verweigerte er sich. Die
Yorksträßler, unter deren Dach auch politische Gruppen wie
die Antirassistische Initiative (ARI) arbeiteten, gingen an die Öffentlichkeit,
während der Räumungs-Countdown lief. Erste konkrete Angebote
für Ersatzhäuser habe man ihnen erst wenige Tage vor der Räumung
gemacht, beschweren sich die Yorksträßler, und ihnen dann keine
Zeit mehr zur Prüfung gelassen. Das sei Erpressung gewesen. Beim
Senat wehrt man sich: „Die waren doch erst in der Woche vor der
Räumung bereit zum Umzug. Vorher hieß es immer: Wir wollen
drinnen bleiben“, sagt Ralf Hirsch.
Das nächste „Problemhaus“ des Sonderbeauftragten steht
übrigens womöglich schon bereit: die Rigaer Straße 94
in Friedrichshain. Dieses Hausprojekt besteht auch schon seit 15 Jahren
und hat 120 Räumungstitel des Eigentümers Suitbert Beulker überstanden,
so Martin Schulz, einer der Bewohner. Jetzt scheint Beulker pleite zu
sein. Das Szenario gleicht dem in der Yorkstraße. Ein erstes Kaufangebot
der Bewohner hat Beulker schon vor einiger Zeit abgelehnt. Seine Bank,
die Berlin Hyp, „spricht nicht mit uns“, so Schulz: „Die
berufen sich auf das Bankgeheimnis.“ Womöglich geht auch dieses
Haus bald an einen neuen „Investor“. Dass sich der Kauf eines
linken Wohnprojekts lohnen kann, wissen die Spekulanten ja spätestens
seit der Räumung der Yorkstraße. Machen könne er da im
Vorfeld nichts, meint der Sonderbeauftragte Hirsch: „Das sind zivilrechtliche
Angelegenheiten.“ Er werde erst tätig, wenn es Probleme gebe.
Hauseigentümer Walter steht also als Sieger da. Trotzdem gibt er
sich damit noch nicht zufrieden: Er hat Anzeige wegen Hausfriedensbruch
gegen die Ex-Bewohner und ihre Unterstützer gestellt und will auch
noch nachträglich die bislang vergeblich geforderte Mieterhöhung
plus Schadenersatz eintreiben: insgesamt 90000 Euro.
Aber auch die Yorksträßler sind auf ihre Art Sieger geblieben:
Sechs Tage nach der Räumung besetzten sie Teile des Bethanienhauses
am Kreuzberger Mariannenplatz. Dieses Gebäude gehört dem Bezirk.
Auf „zivilrechtliche Angelegenheiten“ kann sich die Politik
nun nicht mehr zurückziehen – und verhandelt mit den Besetzern
über einen befristeten Nutzungsvertrag. Auch mit dem Liegenschaftsfonds
gibt es wieder Gespräche über mögliche Objekte für
das „New York“, wie sich das Projekt nun stolz nennt.
Doch im Bethanienhaus sind die Yorksträßler nicht alleine.
Dort befinden sich seit langem Künstlerateliers und eine Kita. Der
Geschäftsführer des Künstlerhauses Bethanien, Christoph
Tannert, beschwert sich vehement über Beschädigungen und Einschüchterungen
durch die neuen Mitbewohner. Dem Bezirksamt wirft er vor, politisch verantwortlich
für die Besetzung zu sein. Die Yorksträßler wollen sich
nun entschuldigen, die Schäden ersetzen und luden die anderen Nutzer
bereits zum Kaffeeplausch nach „New York“. Tannert ging nicht
hin. Mit den Besetzern spreche er nicht, sagt er: „Die und wir –
das ist unvereinbar.“ Der nächste Konflikt ist also schon programmiert.
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