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«Wir
sind geradezu da, einen Hausverkauf zu verhindern»
Das Mietshäuser-Syndikat – eine Freiburger Erfolgsgeschichte
von Patrick Kunkel
Die
Idee, Wohneigentum auch finanziell schwachen Kreisen zu ermöglichen,
hat zu vielfältigen Eigentumsformen geführt.
Das in Freiburg entstandene Mietshäuser Syndikat hat originelle Finanzierungsarten
entwickelt und sich über ganz Deutschland ausbreiten können.
Sanieren, Mieten steigern, Rendite machen. Was der Immobilienwirtschaft
so am Herzen liegt, bedeutet ihnen nichts. Nach den Gesetzen der Marktwirtschaft
dürfte es sie gar nicht geben.
Aber sie pfeifen auf die Marktgesetze. Und sie haben Erfolg damit. Sie?
Über 1000 Menschen haben sich in ganz Deutschland zusammengeschlossen,
um Mietshäuser dauerhaft dem Immobilienmarkt zu entziehen, indem
sie diese Immobilien einfach kaufen. Dafür haben sie eine eigene
Organisation gegründet, das Mietshäuser Syndikat. Der Zulauf
ist ungebrochen, obwohl der Name Syndikat nach Geheimorganisation, nach
dunklen Geschäften, nach Mafia klingt. Dabei ist der Begriff der
anarchistischen Gewerkschaftsbewegung entlehnt, dem Syndikalismus.
Das Mietshäuser
Syndikat ist 1992 in Freiburg im Breisgau von ehemaligen Hausbesetzern
gegründet worden. Quer durch die Republik gibt es inzwischen
62 Wohnprojekte und Initiativen, vom Einfamilienhaus, in dem 6 Personen
leben, bis zur ehemaligen Kaserne, wo 220 Erwachsene und 40 Kinder Platz
finden. Erst im September kamen vier neue Projekte hinzu.
Ehrenamtlicher
Einsatz
Das Syndikat versteht sich als ein Netzwerk mit Knotenpunkten in ganz
Deutschland. In Freiburg, auf einem alten Giesserei-Gelände mitten
in der Stadt, hat das Syndikat eine Anlaufstelle. In dem Gebäudekomplex
leben rund 100 Personen, ausserdem gibt es eine Kindertagesstätte,
ein Café, das bundesweit bekannte Informationszentrum Dritte Welt
und den einstigen Piratensender Radio Dreyeckland.
Das Mietshäuser Syndikat residiert in einem kleinen Büro im
Erdgeschoss. Schummriges Licht, Aktenordner und Broschüren, die sich
in den Regalen bis hoch zur Decke stapeln, in der einen Ecke stehen zwei
Computer, in der anderen ein grosser Holztisch. Daran sitzen Jochen Schmidt,
43 Jahre alt, Gründungsmitglied des Syndikats, und MatthiasMöller,
31 Jahre alt, der erst seit kurzem mit dabei ist. Beide machen das ehrenamtlich
wie alle, die sich für das Syndikat engagieren. Man wolle Gemeineigentum
an Haus und Grund schaffen, erklärt Schmidt, bezahlbaren Wohnraum
für Menschen mit wenig Geld. Und Raum für politisch und sozial
engagierte Gruppen.
«Wir sind ein basisdemokratischer und solidarischer Verbund»,
betont Matthias Möller. Herzstück dieses Verbundes ist ein gemeinsamer
Geldtopf, den die Syndikalisten «Solidarfonds» getauft haben.
Mietüberschüsse aus bereits bestehenden Häusern werden
in diesen Fonds gezahlt und dienen als Anschubfinanzierung für neue
Projekte.
Ermöglicht wird der eigentliche Hauskauf aber vor allem mit Direktkrediten
von Freunden und Unterstützern, die für ihre Einlagen nur geringe
oder keine Zinsen verlangen. Erst wenn auf diese Weise genügend Eigenkapital
gesammelt ist, sind
auch Banken dazu bereit, Kredite für den Hauskauf zu vergeben. So
können auch finanziell klamme Bewohner den grossen Sprung wagen.
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«Nachhaltig und zukunftsweisend»
«Unser Ziel ist es nicht, irgendwann mietfrei zu wohnen»,
stellt Möller klar. «Unser Ziel ist die Eigentumsneutralisierung.»
Dabei gehe es darum, dass Häuser nicht mehr von denen, die sie nutzten,
verkauft werden könnten, sagt Möller. «Fatal wäre
es, wenn kollektives Eigentum gewinnbringend verkauft oder privatisiert
würde.»
Um das zu verhindern, bedient sich das Mietshäuser Syndikat ausgerechnet
einer zentralen Rechtsform des Kapitalismus, der Gesellschaft mit beschränkter
Haftung, GmbH. Das Prinzip ist einfach: Wenn eine Projekt-Initiative unter
dem
Dach des Syndikats ein Haus kaufen will, gründen die Bewohner zunächst
einen Hausverein und schliesslich eine Hausbesitz-GmbH. Diese GmbH hat
genau zwei Gesellschafter, nämlich den Hausverein, also die Mieterschaft,
und das Mietshäuser Syndikat.
«Das Syndikat fungiert dabei als eine Art Kontroll- oder Wächterorganisation»,
erklärt Möller. Gegen den Willen des einen Gesellschafters darf
die Immobilie nicht verkauft werden. «Wir sind ja gerade dazu da,
einem Verkauf nicht
zuzustimmen», sagt Möller.
Werner Landwehr, Leiter
der Kreditbetreuung bei der GLS-Gemeinschaftsbank in Bochum, die seit
Jahren mit dem Mietshäuser Syndikat zusammenarbeitet und Bürgschaftskredite
an Hausprojekte vergibt, lobt das GmbH-Modell. Es sei gesellschaftlich
nachhaltig und zukunftsweisend, weil es spekulativen Absichten von vornherein
eine Absage erteile und so eine langfristige Perspektive eröffne.
Normalerweise seien viele Immobilien nach 20 bis 30 Jahren schuldenfrei
– auch im genossenschaftlichen Bereich und bei vielen gemeinschaftlichen
Hausprojekten. Dann bleibe ein dauerhaftes Vermögen übrig. Doch
kaum einer habe sich bisher Gedanken darüber gemacht, wie dieses
Vermögen auch sozial sinnvoll eingesetzt werden könne. Den «Solidarfonds»
hält Landwehr deshalb für wegweisend.
Interesse auch im Ausland
Wie zum Beweis dafür wird das Syndikat jedes Jahr ein bisschen grösser.
Im Jahr 2000 gab es gerade einmal fünf Projekte.Dann kamen die ersten
Häuser ausserhalb Freiburgs dazu. Dank den Überschüssen,
die sogleich in neue Hauskäufe gesteckt werden, und weil die Idee
immer populärer wird, gibt es inzwischen in ganz Deutschland Immobilien.
Sie liegen in Freiburg, Berlin, Frankfurt, Göttingen, Hamburg, Lübeck,
Tübingen und einer Reihe weiterer Städte. Ihr Gesamtwert beläuft
sich auf rund 30 Millionen Euro. Lediglich im Saarland, in Sachsen und
in Sachsen-Anhalt gibt es noch keine yndikatsprojekte, sagt Jochen Schmidt.
Dies sei freilich nur eine Frage der Zeit,
glaubt er. Man könne sich vor Anfragen kaum retten. Solche kämen
inzwischen auch aus Frankreich, Österreich, Polen und der Schweiz.
Allerdings lässt sich das GmbH-Modell nicht ohne weiteres auf diese
Länder übertragen, weiss Schmidt. «In Deutschland ist
bereits ein richtiges Netzwerk entstanden», sagt der GLS-Vertreter
Landwehr und betont den Selbsthilfegedanken, der hinter dem Unternehmensverbund
steckt.
«Wenn es irgendwo Finanzierungslücken gibt, etwa bei der Instandsetzung,
dann helfen sich die Projekte untereinander aus.» In diesem Netz
aus GmbHs sehen sich die Freiburger Syndikalisten als eine Art bundesweite
Ansprechstation, nicht mehr, nicht weniger. Gefragt ist vor allem die
gesammelte Erfahrung aus Südbaden:
«Wir geben unser Know-how weiter», sagt Schmidt, «und
helfen bei der Vermittlung von Krediten.» Aber auch das, so hoffen
Schmidt und Möller, werde irgendwann vor Ort erledigt. «Dort,
wo es viele Syndikatsprojekte gibt, sollen auch lokale Syndikatskoordinationen
entstehen. » Erste Ansätze dafür gebe es in Berlin oder
im Rhein- Main-Gebiet. Denn das sei schliesslich die Besonderheit des
Syndikats. Schmidt sagt: «Wir sind zur Zellteilung fähig.»
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