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Aus
Hausbesetzern werden Hausbesitzer
Wohnprojekt einigt sich
mit Studentenwerk und Bund über Kauf von Grund und Gebäuden
in der Schellingstraße
TÜBINGEN (uha). Die
Idee ist beinahe 25 Jahre alt, jetzt wird sie Realität: Das Stabsgebäude
der Thiepval-Kaserne in der Schellingstraße 6 wird Eigentum der
Bewohner. Der Weg für den Kauf vom Bund, ist frei. Nach zähen
Ringen einigten sich die Bewohner und das Tübinger Studentenwerk,
Anstalt des öffentlichen Rechts, über den Kauf der beiden Häuser
im Hinterhof (siehe auch nebenstehenden Kommentar).
Studierende, Arbeitslose,
Handwerker, Selbstständige
und eine Handvoll Kinder so sieht die bunte Wohnvielfalt in der
westlichen Ecke der 1914 erbauten Thiepval-Kaserne seit langem aus. Als
1980 die französischen Streitkräfte das gesamte Areal räumten,
wurde der einstige Offizierstrakt besetzt. Zwei Jahre später übernahm
das öffentlich-rechtliche Studentenwerk das denkmalgeschützte
Gebäude als Mieter vom Bund und errichtete im Hinterhof zwei weitere
Häuser in Leichtbauweise. Offiziell als Studentenwohnheim deklariert,
herrschten in der Schellingstraße jedoch immer etwas andere Zustände
als in den übrigen Studentenwerks-Heimen. Man lebte in Wohngemeinschaften,
suchte sich die Mitkommunarden selbst aus nicht nur unter Studenten.
Im Jahr 1999 wollte
der Bund das gesamte Thiepvalgelände los werden. Die eigentliche
Kaserne, bis dahin vom Land als Unterkunft für Aussiedler und Asylbewerber
genutzt, wurde an eine Investorengesellschaft verkauft und aufwändig
zu edlem Wohnraum und Büroflächen umgebaut. Am Kauf des Stabsgebäudes
samt verbliebenem Gelände zeigten sich sowohl das Studentenwerk als
auch die Bewohner interessiert. Letztere gründeten Anfang 2000 einen
Verein, um die erfolgreiche kleine Kulturinsel zu erhalten.
Ein Jahr später kam zu dem Verein, dem alle 110 Bewohner angehören,
eine GmbH mit dem Freiburger Mietshäuser Syndikat als Haupt-Gesellschafter.
Fortan sammelte man so genannte Direktkredite, um mindestens zehn Prozent
der Kaufsumme zusammen zu bekommen. Toughe Leute, befand schon
damals der auf dem Thiepvalgelände engagierte Balinger Investor Eckhardt
Schäufele.
Strittig waren vor allem
zwei Punkte: Die Stadt hatte dem Investor zugesichert, dass sich der künftige
Käufer des Stabsgebäudes mit einer Million Mark an der Umgestaltung
des ehemaligen Exerzierplatzes beteiligt. Und der Geschäftsführer
des Studentenwerks Eberhard Raaf wollte für die beiden Hinterhofhäuser
500000 Mark erlösen. Vom ersten Streitpunkt sprach schon bald niemand
mehr. Raaf hingegen blieb hart. Als sich die Bewohner mit dem zuständigen
Referenten der Oberfinanzdirektion in Stuttgart, Günther Danziger,
schon längst über die Kaufsumme von 950000 Euro für den
Grund und Boden samt dem stark renovierungsbedürftigen
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Offizierstrakt einig waren
und für die beiden Holzfertigbauten im Hinterhof 100000 Euro geboten
hatten, beharrte der Studentenwerks-Geschäftsführer immer noch
auf der alten Summe. Er berief sich dabei auf eine Schätzung des
städtischen Gutachterausschusses.
Nachdem Ende vergangenen Jahres der Mietvertrag zwischen Studentenwerk
und Bund ausgelaufen war, drohte Raaf den Bewohnern mit Räumungsklagen
und erklärte mehrfach, man könne die Häuser auch abschlagen
und anderswo wieder aufbauen. Dabei hatten die Schellingsträßler
inzwischen auch den Verwaltungsrat des Studentenwerks überzeugt.
So bescheinigte Tübingens Erster Bürgermeister Gerd Weimer,
externer Sachverständiger im Verwaltungsrat, dem Projekt Hand
und Fuß.
Im Februar schließlich
verkündeten die Bewohner, man habe sich auf Druck des Verwaltungsratsvorsitzenden,
Unirektor Eberhard Schaich, mit Raaf geeinigt. Der indes dementierte und
sprach von einem Geschenk, das die Bewohner haben wollten.
Zu allem Überfluss stellte sich noch heraus, dass die 1982 für
die beiden Hinterhof-Baracken ausgestellte Baugenehmigung seit 1997 abgelaufen
war.Die ist mit Unterstützung
von Weimer und dem FDP-Stadtrat Dietmar Schöning, auch er Externer
im Verwaltungsrat, inzwischen mit Auflagen wieder erteilt. Vergangene
Woche kam es nach einem Ultimatum des Verwaltungsrates schließlich
zur Vertragsunterzeichnung zwischen Bewohner-GmbH und Raaf. Zuvor freilich
hatte dieser noch einen letzten Versuch gestartet, das Vorhaben zu torpedieren,
indem er den Landesrechnungshof auf den Plan rief. Der indes sieht hier
keinen Handlungsbedarf. Und so musste Raaf den bereits angetretenen
Urlaub unterbrechen, um das Vertragswerk samt Unterschrift ins Büro
des Unirektors zu faxen. Bevor die Schellingsträßler ihrerseits
unterschreiben konnten, holte Schaich das Original des Kaufvertrags persönlich
aus Raafs Büro.
Der Notartermin für
den Kauf des Geländes samt Stabsgebäude vom Bund ist für
kommenden Mittwoch angesetzt. Insgesamt müssen die Schellingstraßen-Bewohner
nun zwei Millionen Euro für Kauf und Sanierung ihres Eigenheims finanzieren.
An Direktkrediten haben sie bisher etwa 400000 Euro zusammen. Der Rest
stammt aus Bürgschaften und einem Grundschuld-Darlehen von der GLS-Gemeinschaftsbank.
Stadtrat Dietmar Schöning
spricht von der einzig realistischen Handlungsweise, Bürgermeister
Gerd Weimer von einem insgesamt guten Kompromiss. Und auch
Unirektor Eberhard Schaich wünscht den Plänen der Schellingstraßenbewohnern
viel Erfolg. Nur der Studentenwerks-Chef Eberhard Raaf hadert
und spricht von einem erheblichen politischen Druck, der da
entwickelt worden sei. Ich hatte da eine haushälterische
Rolle einzunehmen. Dass er dabei so lange hart blieb, kann sich
Axel Burkhardt, einer der Geschäftsführer der Schellingstraßen-GmbH,
eigentlich nur so erklären: Ich glaube, der mag uns einfach
nicht.
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Der Kommentar
Sieg der
Profis
Wer die unendliche Geschichte
um die Schellingstr. 6, das ehemalige Stabsgebäude der Thiepval-Kaserne,
verfolgt hat, konnte sich zuletzt nur noch wundern. Und zwar nicht nur über
die hartleibige Haltung des Studentenwerks-Geschäftsführers Eberhard
Raaf. Um den Kauf des Anwesens durch seine Bewohner wenigstens noch hinaus
zu zögern, inszenierte der am Ende noch eine Posse, die Ihresgleichen
sucht. Sich durch Einschalten des Landesrechnungshofes und Urlaubsantritt
dem mehrfach erklärten Willen seines Verwaltungsrates zu widersetzen,
spricht weniger für Raafs haushälterische Sorge um studentische
Interessen als für eine gehörige Unprofessionalität. Freunde
hat er sich mit diesem Mut zur Lachnummer jedenfalls auch außerhalb
der direkt beteiligten Kreise nicht gemacht.
Erstaunlicher noch ist freilich, welche Professionalität und Sachkunde
sich die Töchter und Enkel der einstigen Hausbesetzer auf ihrem langen
Weg zum eigenheim aneigneten. Das Vertrauen der Oberfinanzdirektion und
der Mitglieder des Verwaltungsrats der anstalt öffentlichen Rechts
haben die Schellingsträßler keineswegs durch flotte Sprüche
und demonstrative politische Drohgebärden erstritten. Dort überzeugten
ein solides Finanzieruns- und Sanierungskonzept.
Für die öffentliche Hand jedenfalls ist diese Form der Privatisierung
allemal günstiger als selbst in die wohnheimtaugliche Sanierung des
heruntergewohnten Denkmals zu investieren. Dass so nun ein Freiraum fürs
soziokulturelle Wohnexperiment entsteht, spielte wohl eher am Rande eine
Rolle. Uschi Hahn |