Schwäbisches Tagblatt Tübingen 11. August 2004
Aus Hausbesetzern werden Hausbesitzer

Wohnprojekt einigt sich mit Studentenwerk und Bund über Kauf von Grund und Gebäuden in der Schellingstraße

TÜBINGEN (uha). Die Idee ist beinahe 25 Jahre alt, jetzt wird sie Realität: Das Stabsgebäude der Thiepval-Kaserne in der Schellingstraße 6 wird Eigentum der Bewohner. Der Weg für den Kauf vom Bund, ist frei. Nach zähen Ringen einigten sich die Bewohner und das Tübinger Studentenwerk, Anstalt des öffentlichen Rechts, über den Kauf der beiden Häuser im Hinterhof (siehe auch nebenstehenden Kommentar).

Studierende, Arbeitslose, Handwerker, Selbstständige und eine Handvoll Kinder – so sieht die bunte Wohnvielfalt in der westlichen Ecke der 1914 erbauten Thiepval-Kaserne seit langem aus. Als 1980 die französischen Streitkräfte das gesamte Areal räumten, wurde der einstige Offizierstrakt besetzt. Zwei Jahre später übernahm das öffentlich-rechtliche Studentenwerk das denkmalgeschützte Gebäude als Mieter vom Bund und errichtete im Hinterhof zwei weitere Häuser in Leichtbauweise. Offiziell als Studentenwohnheim deklariert, herrschten in der Schellingstraße jedoch immer etwas andere Zustände als in den übrigen Studentenwerks-Heimen. Man lebte in Wohngemeinschaften, suchte sich die Mitkommunarden selbst aus – nicht nur unter Studenten.
Im Jahr 1999 wollte der Bund das gesamte Thiepvalgelände los werden. Die eigentliche Kaserne, bis dahin vom Land als Unterkunft für Aussiedler und Asylbewerber genutzt, wurde an eine Investorengesellschaft verkauft und aufwändig zu edlem Wohnraum und Büroflächen umgebaut. Am Kauf des Stabsgebäudes samt verbliebenem Gelände zeigten sich sowohl das Studentenwerk als auch die Bewohner interessiert. Letztere gründeten Anfang 2000 einen Verein, um die „erfolgreiche kleine Kulturinsel“ zu erhalten. Ein Jahr später kam zu dem Verein, dem alle 110 Bewohner angehören, eine GmbH mit dem Freiburger Mietshäuser Syndikat als Haupt-Gesellschafter. Fortan sammelte man so genannte Direktkredite, um mindestens zehn Prozent der Kaufsumme zusammen zu bekommen. „Toughe Leute“, befand schon damals der auf dem Thiepvalgelände engagierte Balinger Investor Eckhardt Schäufele.
Strittig waren vor allem zwei Punkte: Die Stadt hatte dem Investor zugesichert, dass sich der künftige Käufer des Stabsgebäudes mit einer Million Mark an der Umgestaltung des ehemaligen Exerzierplatzes beteiligt. Und der Geschäftsführer des Studentenwerks Eberhard Raaf wollte für die beiden Hinterhofhäuser 500000 Mark erlösen. Vom ersten Streitpunkt sprach schon bald niemand mehr. Raaf hingegen blieb hart. Als sich die Bewohner mit dem zuständigen Referenten der Oberfinanzdirektion in Stuttgart, Günther Danziger, schon längst über die Kaufsumme von 950000 Euro für den Grund und Boden samt dem stark renovierungsbedürftigen

Offizierstrakt einig waren und für die beiden Holzfertigbauten im Hinterhof 100000 Euro geboten hatten, beharrte der Studentenwerks-Geschäftsführer immer noch auf der alten Summe. Er berief sich dabei auf eine Schätzung des städtischen Gutachterausschusses.
Nachdem Ende vergangenen Jahres der Mietvertrag zwischen Studentenwerk und Bund ausgelaufen war, drohte Raaf den Bewohnern mit Räumungsklagen und erklärte mehrfach, man könne die Häuser auch abschlagen und anderswo wieder aufbauen. Dabei hatten die Schellingsträßler inzwischen auch den Verwaltungsrat des Studentenwerks überzeugt. So bescheinigte Tübingens Erster Bürgermeister Gerd Weimer, externer Sachverständiger im Verwaltungsrat, dem Projekt „Hand und Fuß“.
Im Februar schließlich verkündeten die Bewohner, man habe sich auf Druck des Verwaltungsratsvorsitzenden, Unirektor Eberhard Schaich, mit Raaf geeinigt. Der indes dementierte und sprach von einem „Geschenk“, das die Bewohner haben wollten. Zu allem Überfluss stellte sich noch heraus, dass die 1982 für die beiden Hinterhof-Baracken ausgestellte Baugenehmigung seit 1997 abgelaufen war.Die ist mit Unterstützung von Weimer und dem FDP-Stadtrat Dietmar Schöning, auch er Externer im Verwaltungsrat, inzwischen mit Auflagen wieder erteilt. Vergangene Woche kam es nach einem Ultimatum des Verwaltungsrates schließlich zur Vertragsunterzeichnung zwischen Bewohner-GmbH und Raaf. Zuvor freilich hatte dieser noch einen letzten Versuch gestartet, das Vorhaben zu torpedieren, indem er den Landesrechnungshof auf den Plan rief. Der indes sieht hier „keinen Handlungsbedarf“. Und so musste Raaf den bereits angetretenen Urlaub unterbrechen, um das Vertragswerk samt Unterschrift ins Büro des Unirektors zu faxen. Bevor die Schellingsträßler ihrerseits unterschreiben konnten, holte Schaich das Original des Kaufvertrags persönlich aus Raafs Büro.
Der Notartermin für den Kauf des Geländes samt Stabsgebäude vom Bund ist für kommenden Mittwoch angesetzt. Insgesamt müssen die Schellingstraßen-Bewohner nun zwei Millionen Euro für Kauf und Sanierung ihres Eigenheims finanzieren. An Direktkrediten haben sie bisher etwa 400000 Euro zusammen. Der Rest stammt aus Bürgschaften und einem Grundschuld-Darlehen von der GLS-Gemeinschaftsbank.
Stadtrat Dietmar Schöning spricht von der „einzig realistischen Handlungsweise“, Bürgermeister Gerd Weimer von einem „insgesamt guten Kompromiss“. Und auch Unirektor Eberhard Schaich wünscht den Plänen der Schellingstraßenbewohnern „viel Erfolg“. Nur der Studentenwerks-Chef Eberhard Raaf hadert und spricht von einem „erheblichen politischen Druck“, der da „entwickelt worden“ sei. „Ich hatte da eine haushälterische Rolle einzunehmen.“ Dass er dabei so lange hart blieb, kann sich Axel Burkhardt, einer der Geschäftsführer der Schellingstraßen-GmbH, eigentlich nur so erklären: „Ich glaube, der mag uns einfach nicht.“

Der Kommentar

Sieg der Profis

Wer die unendliche Geschichte um die Schellingstr. 6, das ehemalige Stabsgebäude der Thiepval-Kaserne, verfolgt hat, konnte sich zuletzt nur noch wundern. Und zwar nicht nur über die hartleibige Haltung des Studentenwerks-Geschäftsführers Eberhard Raaf. Um den Kauf des Anwesens durch seine Bewohner wenigstens noch hinaus zu zögern, inszenierte der am Ende noch eine Posse, die Ihresgleichen sucht. Sich durch Einschalten des Landesrechnungshofes und Urlaubsantritt dem mehrfach erklärten Willen seines Verwaltungsrates zu widersetzen, spricht weniger für Raafs haushälterische Sorge um studentische Interessen als für eine gehörige Unprofessionalität. Freunde hat er sich mit diesem Mut zur Lachnummer jedenfalls auch außerhalb der direkt beteiligten Kreise nicht gemacht.
Erstaunlicher noch ist freilich, welche Professionalität und Sachkunde sich die Töchter und Enkel der einstigen Hausbesetzer auf ihrem langen Weg zum eigenheim aneigneten. Das Vertrauen der Oberfinanzdirektion und der Mitglieder des Verwaltungsrats der anstalt öffentlichen Rechts haben die Schellingsträßler keineswegs durch flotte Sprüche und demonstrative politische Drohgebärden erstritten. Dort überzeugten ein solides Finanzieruns- und Sanierungskonzept.
Für die öffentliche Hand jedenfalls ist diese Form der Privatisierung allemal günstiger als selbst in die wohnheimtaugliche Sanierung des heruntergewohnten Denkmals zu investieren. Dass so nun ein Freiraum fürs soziokulturelle Wohnexperiment entsteht, spielte wohl eher am Rande eine Rolle.
Uschi Hahn