|
Wohnen
im Paradies
Neue Wohnformen fürs Älterwerden
„Mit 66 Jahren“,
tönt Udo Jürgens „ist noch lange nicht Schluss“
und Jung und Alt fällt schlagerseelig mit ein. Doch in der Realität
sieht das ganz anders aus. Noch immer herrscht der Jugendwahn in diesem
unseren Lande – obwohl Politiker und Manager dabei meist zweifellos
durchs Raster fallen. Schon 40-Jährige gehören im Berufsleben
teilweise zum alten Eisen – und nicht nur in medialen Arbeitswelten.
Dennoch wird das Rentenalter hoch gesetzt – schließlich werden
wir immer älter und sehen dabei manchmal ganz schön alt aus
– beruflich und privat. Obwohl wir immer jünger alt werden,
voller Tatendrang und neuen Ideen. Ein neues Selbstverständis haben
wir gefunden, die neuen Lebenswelten dazu müssen wir uns erst noch
schaffen.
Vorreiter dieser neuen Lebensentwürfe
sind oftmals Frauen, die entweder Ehe und Familie hinter sich oder Zeit
ihres Lebens auf diese spezielle „Sicherheit“ verzichtet haben.
So gründeten auch in Konstanz 14 Frauen 2004 den Förderverein
WiB e.V. – Wohnen im Blick – mit dem Ziel, gemeinschaftliches
Wohnen von Frauen fürs Alter zu fördern. Gefunden haben sich
zwei Generationen „wahlverwandter“ Frauen, teilweise schon
in Rente, teilweise noch im Berufsleben, die nicht oder nicht mehr alleine
wohnen und die auch nicht von ihren Kindern abhängig sein möchten.
Schon vor 7 Jahren ist die Idee entstanden, bei einem Informationsabend
im Treffpunkt Petershausen zeigten denn auch gleich etwa 30 Frauen Interesse
an einer neuen Wohn- und Lebensform. Regelmäßige Treffen folgten,
es wurden Ideen gesammelt und dabei kristallisierte sich natürlich
auch heraus, wem es wirklich ernst ist mit der Umsetzung. Doch erst nach
Gründung des Fördervereines ging es so richtig voran. Zunächst
machten sich die Frauen, die aus den unterschiedlichsten Bereichen kommen,
auf die Suche nach einem adäquaten Wohnhaus, in dem sie ihre Idee
des gemeinschaftlichen Wohnens als Hausgemeinschaft verwirklichen wollten.
Etwas Passendes ließ sich in Konstanz jedoch nicht finden.
Schließlich wollen die Frauen zwar zusammen leben, dabei aber auch
Freiräume erhalten und die unterschiedlichsten Persönlichkeiten
„unter einen Hut“ bzw. unter ein Dach bekommen. Von Anfang
an mit dabei ist z.B. Tonie Maier, die als Berufsschullehrerin tätig
ist, ebenfalls noch im Berufsleben ist Andrea Siedow, Leiterin eines Kinderhauses.
Erika Fresen-Filthaut kam erst 2003 nach Konstanz, ist Juristin und Mediatorin
und für sie stellt dieser Wohn- und Lebensentwurf auch eine Art politische
Verwirklichung dar. Momentan sind die Frauen zwischen 53 und 68 Jahren
alt, zwei davon haben schon Enkelkinder. Die Idee des Zusammenlebens im
Alter stößt dabei nicht immer auf Verständnis. Meist sind
die Töchter begeistert, die Söhne eher etwas skeptisch und vor
allem Bekannte in traditionellen familiären Strukturen können
den neuen Lebensentwurf nicht so ganz nachvollziehen.
Die tragende Idee war und ist, dass durch das gemeinsame Wohnen in einer
Hausgemeinschaft, die Einzelne immer wieder körperliche und geistige
Anreize bekommt, neue Impulse und Anregungen. Das ist nicht nur eine Bereicherung,
sondern hält auch länger beweglich und gesund. Durch gegenseitige
Unterstützung und gemeinsame Aktionen wird auch der Isolation und
Vereinsamung entgegen gewirkt. Äußerst positiv ist dabei auch
die große Altersspanne von fast 20 Jahren. So gehören zum Konzept
nicht nur die eigenen Wohnungen, sondern eben auch Gemeinschaftsräume.
Die aktiven Frauen von WiB
stießen dann auf das „Mietshäuser Syndikat“ und
deren Hausprojekte. Das Mietshäuser Syndikat aus Freiburg unterstützt
ganz unterschiedliche Hausprojekte, denen jedoch eines gemein ist –
der Wunsch nach einem Haus, in dem es sich selbstbestimmt leben lässt,
dem nicht die Zwangsräumung droht und in dem die Mieten bezahlbar
bleiben. Es wird nicht Eigentum geschaffen, sondern bezahlbarer Mietwohnraum.
Das Mietshäuser Syndikat unterstützt seit fast 20 Jahren die
Realisierung gemeinschaftlicher Mietwohnprojekte in der Rechtsform der
GmbH, Gesellschafter sind jeweils der Hausverein und das Mietshäuser
Syndikat. Im Hausverein sind alle Bewohner Mitglied, denn hier wird gleichberechtigt
entschieden, was sowohl die Gestaltung des Zusammenwohnens, als auch Entscheidungen
bei Mieterwechsel betrifft. Nur in einem hat das Mietshäuser Syndikat
Veto-Recht, und diese Stimme richtet sich gegen eine Reprivatisierung
der Immobilie, d.h. aus den Wohnungen darf nicht privates Wohneigentum
werden – sie müssen als Mietwohnraum im gemeinschaftlichen
Besitz erhalten bleiben. Mit dem neuen Wohnprojekt in Konstanz soll auch
ein Zeichen gesetzt werden, dass es möglich ist, Wohn- und Lebensraum
für Ältere zu sozialverträglichen Mieten zu schaffen.
In Konstanz wurde nun ein „paradiesischer“ Bauplatz gefunden
– quasi am unteren Eingang zum Paradies und so kann das Wohnprojekt
„Schänzle“ zum Brückenkopf werden. Es besteht ein
Optionsvertrag auf das Grundstück und inzwischen erfährt die
WiB auch ein hohes Entgegenkommen vom Bauamt. Baubeginn ist voraussichtlich
noch diesen Sommer, Einzug im Herbst/Winter nächsten Jahres. In der
Nähe zur Schweizer Grenze wird also das innovative Wohnprojekt entstehen,
das neue Wege im Wohnungsbau beschreitet und damit auch den Zugang zum
Stadtgebiet „Schänzle“ auf angemessene und anspruchsvolle
Weise neu definiert und aufwertet. Das Gebäude steht in der Tradition
von Atriumhäusern mit zentraler Erschließungshalle und „windmühlenartig“
angeordneten Wohnbereichen. Diese Gebäudetypologie spiegelt den Gemeinschaftsgedanken
wider und sieht sowohl hochwertige private als auch gemeinschaftliche
Bereiche vor. Neben den soziologischen Vorzügen stellt sich das Projekt
auch ökologisch beispielhaft dar. Das Gebäude wird im energetisch
hochwertigen Passivhaus-Standard realisiert und benötigt dadurch
nur ein Minimum an Heizenergie. Auf dem begrünten Flachdach kann
mit Hilfe von Solarkollektoren eine vollständige CO2-Neutralität
erreicht werden. Ein Modellprojekt für die Zukunft also, ökologisch,
kostengünstig, innovativ. Die Generalplanung und Betreuung des Wohnprojekts
obliegt der „siedlungswerkstatt GmbH“.
Die Finanzierung erfolgt über
die Banken, das erforderliche Eigenkapital kommt zusammen aus persönlichen
Direktkrediten der späteren Mieterinnen, aber auch von Unterstützern
des Projektes. Noch kann man sich an der Finanzierung des Wohnprojektes
in der Paradieser Gottlieberstraße in Konstanz beteiligen. Wer einen
Direktkredit gibt, sieht aufgrund der Bautätigkeit genau, was mit
seinem Geld geschieht, wird regelmäßig informiert und ist natürlich
auch beim Richtfest dabei. Das Geld kommt direkt dem Projekt zugute und
man unterstützt ein zukunftsweisendes Lebensmodell und die Schaffung
bezahlbaren Wohnraumes. Zudem investiert man in ein Passivenergiehaus
und fördert damit einen ressourcenschonenden Umgang mit der Natur.
Dass eben doch nicht Schluss
ist, haben sie bewiesen und werden sie noch beweisen, die Frauen von „Wohnen
im Blick“ – engagiert und ausdauernd haben sie ein großes
Ziel verfolgt und nun ist es bald so weit.
Wer jetzt noch aufspringen will, auf den Zug ins Paradies, kann dies mit
einem Direktkredit tun oder meldet sich direkt bei Tonie Maier oder Monika
Schickel, denn noch sind 5 Wohnungen frei – für Frauen zwischen
50 und 70, die sich für gemeinsames, solidarisches und doch eigenständiges
Wohnen begeistern können.
Tonie Maier, Tel. 07531-941095,
tonie.maier@t-online.de
Monika Schickel, Tel. 07531915581, schickelm@gmx.de
daniB
www.siedlungswerkstatt.de
|
 |