Alter Dorfkern ist gerettet

Badische Zeitung 20.09.2002

Alter Dorfkern ist gerettet

Haslacher Häuserkomplex wird nun saniert statt abgerissen

Von Martin Höxtermann

HASLACH. Lange Zeit sah es so aus, als ob der historische Häuserkomplex in der Markgrafenstrasse 18-20 in Alt-Haslach der Abrissbirne zum Opfer fiele. Der Eigentümer, die evangelische Kirchengemeinde Freiburg, hatte im vergangenen Frühjahr bereits einen Makler beauftragt, der das zum Teil baufällige, zweigeschossige Gebäudeensemble meistbietend verkaufen sollte. Ein Abriss wäre die Folge gewesen.

Doch nach einem Jahr zähen Verhandelns mit der „Mark20GmbH“, dem Zusammenschluss des Hausvereins der Mieter und dem Freiburger Mietshäuser-Syndikat, bleiben die Überbleibsel des alten Haslacher Dorfkerns nun doch erhalten.
„Wir waren uns im Grunde schon im Januar mit der ,Mark20′ einig, doch der administrative Akt hat sich lange hingezogen, so dass wir erst im Juni den Vertrag unterschreiben konnten“, erklärt Sabine Behrend, Leiterin des Freiburger Kirchengemeindeamts. Der Vertrag sieht eine Erbpachtregelung mit einer Laufzeit von 99 Jahren vor. Das bedeutet, dass das 500 Quadratmeter große Grundstück weiterhin im Besitz der Kirche bleibt, doch der Pächter alle Rechte und Pflichten eines Eigentümers bekommt und dafür einen gestaffelten Erbpachtzins zahlt, der nach Ablauf der Renovierung in voller Höhe fällig wird.
„Innerhalb von zehn Jahren wollen wir den ganzen Komplex sanieren, um Wohnraum für zehn bis zwölf Menschen zu schaffen“, sagt Mieter Armin Schilli. Der 31-jährige Forstwirt wohnt seit fünf Jahren in Haus 20, dem bislang einzig bewohnbaren Komplex der drei zusammenhängenden Häuser.

220 Quadratmeter Wohnfläche sollen hier einmal entstehen. Doch bis dahin ist noch viel zu tun. Vor allem der äußere Gebäudeteil des Ensembles, die Nummer 18a, der seit mehr als 20 Jahren leer steht, muss grundlegend renoviert werden.
Die Deckenhöhe ist äußerst niedrig, die Zimmer sind klein geschnitten, Blumentapeten, Wandmalereien und eine vergilbte „Badische Zeitung“ vom 29.März 1961 sind Zeugen besserer Zeiten. Im benachbarten Gebäude mit der Hausnummer 18 riecht es nach Tapetenkleister und Farbe. Die Zimmer des unteren Stockwerks sind bald bezugsfertig, die vierköpfige Wohngemeinschaft erwartet Zuwachs. „Hier sollen im Herbst zwei neue Mieter einziehen“, berichtet Schilli. Das Dachgeschoss ist allerdings noch sehr marode, und auch im benachbarten Haus 20 wartet noch viel Arbeit.

Auf 150 000 Euro schätzt Stefan Rost vom Mietshäuser-Syndikat die Instandsetzungskosten. Vieles wollen die „Markgräfler“ in Eigenarbeit leisten. Freilich wird der Wohnkomfort auch nach Ende der Sanierung nicht den üblichen Standards genügen. Doch das nehmen die Bewohner in Kauf. „Schließlich ist die Miete niedrig und wir können hier als Wohngemeinschaft zusammen wohnen“, sagt Haus-Bewohner Michael Schubert.

„Die Traditions-Insel Alt-Haslach bleibt damit erhalten.“ Gebietskonservator Frank Leusch

Dass die Kirche der Erbpachtregelung zugestimmt hat, ist für die linksalternativen Bewohner fast ein kleines Wunder. „Wenn das Gebäude der Freiburger Stadtbau gehört hätte, wäre hier nach dem Modell Spittelacker ein kalter Abriss erfolgt – und wir hätten uns neue Wohnungen suchen müssen“, glaubt Schubert. Dank dem Syndikatskonzept werde die Immobilie nun dauerhaft dem Markt entzogen und billiger Wohnraum gesichert. „Für uns ist die Mark20 ein idealer Partner, denn zum einen wird sozialer Wohnungsbau gefördert, zum anderen bleiben die denkmalgeschützten Häuser in ihrem Kern erhalten“,sagt Kirchengemeindeamtsleiterin Behrend.
Auch beim Landesdenkmalamt ist man über die Lösung glücklich. „Die Traditionsinsel in Alt-Haslach, zu der auch die benachbarte Melanchthon-Kirche und das Pfarrhaus gehören, bleibt erhalten“, freut sich Gebietskonservator Frank Leusch.

Die Holzkonstruktion des landwirtschaftlichen Anwesens erlaube eine Datierung ins 17.Jahrhundert. „Damit gehört die denkmalgeschützte Anlage zu den ältesten Bauten im Stadtteil und veranschaulicht die historische Bauweise und Baustruktur in Haslach“. Gerade wegen der ortsgeschichtlichen Bedeutung bestehe aus wissenschaftlichen und heimatgeschichtlichen Gründen großes Interesse an der Erhaltung der Kleinbauernhäuser, betonte Leusch. Die Sanierung der Gebäude erfolgt ohne starres Konzept. „Denkende Planung“ nennen das die Mieter. Jeder Schritt wird im kleinen Innenhof, zu dem von allen drei Häusern alte Holzstiegen führen, gründlich diskutiert. Hier ranken sich Weinpflanzen an einer üppigen Linde, Hagebuttensträucher und Topfpflanzen geben dem Hof ein südländisches Flair, die Nachmittagssonne bricht sich in den Fensterscheiben. Ein Hinterhof, der eher an die Toskana als an die raue „Westside“ von Haslach erinnert. Die Mieter schwärmen: „Wir leben hier sehr ländlich- und sind doch mitten in Haslach“.