Bändiger des Kapitalismus

Der Sonntag, 26.06.2005

Bändiger des Kapitalismus

Das alternative Freiburger Wohnprojekt Mietshäuser Syndikat ist bundesweit zum Selbstläufer geworden.
von Klaus Riexinger
Wo gibt es denn so was? Da wirbt ein Vermieter mit „niedrigen Mieten“ für „Menschen mit geringem Einkommen“ und „sozialen Bindungen, die den Wohnbereich existenziell absichern“. Und das nicht etwa in unattraktiver Lage, sondern in der Bahnhofsvorstadt in einer der teureren Städte dieses Landes. Neu ist das Haus zudem. „Die längste Baustelle nach dem Münster“, wird der Neubau in der Freiburger Adlerstraße von Stefan Rost genannt, einem Veteran der Hausbesetzerszene aus den 70er-Jahren, der heute keinesfalls die Seiten gewechselt hat, sondern sich als Bewahrer von sozialem Wohnraum versteht. Ebenso wie rund 170 andere, die dem Mietshäuser Syndikat angehören.

Der Andrang auf die neuen Wohnungen ist groß. Es gab drei Mal so viele Bewerber wie Wohnplätze. Vergangene Woche war Auswahl. Alleinerziehende, sozial Schwache und behinderte Menschen haben die besten Chancen. Nicht nur in dieser kleinen Wohnoase mitten in Freiburg, sondern in immer mehr deutschen Städten. Das hat selbst die Mitglieder des Mietshäuser Syndikats erstaunt. Ihr Modell vom sozialen Wohnraum macht Schule, während auf dem regulären Wohnungsmarkt preisgünstige Mietangebote täglich seltener werden.

Angefangen hat alles Ende der 80er-Jahre. Eine Gruppe ehemaliger Hausbesetzer in Freiburg suchte damals nach konstruktiven Wegen, bezahlbaren Wohnungsraum zu sichern. Es war 1992, als sich die „Mietshäuser in Selbstorganisation“ gründeten. Zwei Jahre später nahm die Gruppe mit dem Bauprojekt „Grether Ost“ die entscheidende Weichenstellung vor: Als Träger der alten Fabrikgebäude im Freiburger Stadtteil „Im Grün“ gründeten sie eine GmbH. „Der Schlüssel des Erfolgs war die richtige Rechtsform“, erklärt Rost – die GmbH, anstelle einer Genossenschaft. Frühere ähnliche Vorhaben seien am „Projektegoismus“ zugrunde gegangen, bekräftigt Regina Maier, ebenfalls eine Mitstreiterin der ersten Stunde: „Genossenschaften tendieren dazu, Kapitalgesellschaften zu werden.“ Das alternative Wohnbauprojekt kokettiert mit den Instrumenten des Kapitalismus – und es hat gelernt, sie für seine Zwecke zu nutzen.

Jedes Mal, wenn eine Projektinitiative ein Haus kaufen will, gründen die Bewohner eine GmbH und bestimmen einen Geschäftsführer. Sie legen die Mieten dann so fest, dass Geld zum Abbezahlen des Hauses abgeführt werden kann. Die Höhe der Miete legt die GmbH fest. Finanziert wird der Kauf mit Bankkrediten und Direktkrediten von Sympathisanten, die für ihre Einlagen geringe oder keine Zinsen verlangen.

Das als Verein gegründete Mietshäuser Syndikat hat eine Art Wächterfunktion. Änderungen in der Satzung können nur mit dem Syndikat zusammen vorgenommen werden, das bei jeder GmbH paritätische Mitsprache hat. „Die Nutzer dürfen nicht autonom über das Vermögen entscheiden. Das ist das Entscheidende“, sagt Stefan Rost. Mitglied im Syndikat kann werden, wer eine Einlage von mindestens 250 Euro leistet. Zu den Mitgliedern zählt neben zahlreichen Einzelpersonen auch die Fraktion der Freiburger Grünen.

„Rücke vor zur Schlossallee“ heißt die neu aufgelegte Broschüre des Mietshäuser Syndikats, in der alle Immobilien vorgestellt werden. Die liegen in Berlin, Frankfurt, Hamburg, Göttingen, Halberstadt, Tübingen und in zahlreichen weiteren Städten quer durch die Republik. Auch Staufen, Bad Krozingen, Kirchzarten und Sulzburg finden sich darunter. Insgesamt sind es 15 Projekte mit einem Gesamtwert von 19 Millionen Euro und 17 Projektinitiativen. In diesem Jahr sind schon aus acht Initiativen GmbHs gegründet worden. „Seit zwei bis drei Jahren ist das ein Selbstläufer“, sagt Stefan Rost. Im Vorwort der Broschüre schreiben die Autoren des Mietshäuser Syndikats schon euphorisch von einer „rasanten Entwicklung“. Ein Ende der Verbreitung der Idee sei nicht abzusehen.

Untersyndikat in Berlin

Die ersten Anfragen von außerhalb Freiburgs nach einem Anschluss an das Syndikat kamen 2001 aus Tübingen. Inzwischen gibt es Überlegungen, für Berlin und Brandenburg eine Art Untersyndikat zu gründen.

Ob es demnächst auch in Staufen eine GmbH unter dem Dach des Syndikats geben wird, hängt von den Verhandlungen mit einer Erbengemeinschaft ab. 1,5 Millionen Euro verlangen die Eigentümer für die 160 Jahre alte Tuchfabrik, in der seit Jahren drei Familien und drei WGs wohnen. 500000 Euro sind die Bewohner der fünf Wohnungen bereit zu zahlen. „Die Stadt Staufen unterstützt uns. Die denkmalgeschützte Bausubstanz soll erhalten bleiben“, sagt Stefanie Walz, eine Bewohnerin. In zwei Monaten fällt die Entscheidung.

Claudia Winker denkt nicht daran, aus dem Haus der Grether Ost auszuziehen. „Das ist eine Insel in Freiburg“, sagt die Frau, die als Studentin 1994 mit Kind und Wohnberechtigungsschein eingezogen ist. Drei Frauen und drei Kinder wohnen in ihrer WG. 5,10 Euro kostet die Kaltmiete pro Quadratmeter. Abbezahlt ist das Haus ebenso wenig wie alle anderen. Rund 30 Jahre brauchen die GmbHs dafür. Das ist zwar ungewöhnlich lange, aber neben der Rechtsform ein weiterer Schlüssel zum Erfolg: Das Syndikat hat Zeit.

Bleibt die Frage, wie groß der Syndikatsverbund werden soll. 20, 100, 1000 Projekte? „Wir wissen es nicht, werden es aber herausfinden“, schreiben die Autoren der Broschüre.