Bunte Seiten Ausgabe Juli 2000

Bunte Seiten Ausgabe Juli 2000

Solidarökonomie – das Konzept des Mietshäuser Syndikats Freiburg

Das Mietshäuser Syndikat

Ein bißchen anrüchig klingt´s für die einen (Al Capone läßt grüßen), anarchogewerkschaftlich für die anderen: das Syndikat. Provokativ war es durchaus gemeint, als sich der Verein „Mietshäuser in Selbstorganisation“ einen neuen Namen gab. Bis heute haben sich im Raum Freiburg sieben Projekte entwickelt: teils reine Wohnhäuser, teils Häuser mit Wohn- und Gewerberaum. Zwei konkrete Initiativen, eine Wagenwiese und das Rasthaus, ein Haus zur Unterstützung illegalisierter MigrantInnen, sind im Entstehen.
Gemeinsam ist allen der Grundgedanke des Syndikats, Gebäude und Grundstücke auf Dauer dem Immobilienmarkt zu entziehen und in gemeinschaftlichem Besitz der MieterInnen zu erhalten sowie neue Projekte für selbstorganisiertes Leben konkret zu unterstützen.
Die einzelnen Projekte innerhalb des Syndikats wirtschaften autonom. Allein diejenigen, die in den Häusern wohnen und arbeiten, bestimmen, was darin passiert. Organisiert sind sie in einem Hausverein, der wiederum zusammen mit dem Syndikat eine Haus GmbH bildet. Die Konstruktion gewährleistet das wichtigste Ziel des Syndikats: Durch ein Vetorecht kann das Syndikat jederzeit Verkauf und Privatisierung verhindern. So können die Häuser selbstorganisiert verwaltet, aber nicht selbstorganisiert verkauft werden.
Zentral ist die Solidarität zwischen den einzelnen Syndikatsprojekten. So wird die Erfahrung von bestehenden Projekten neuen Initiativen zugänglich gemacht. Darüber hinaus verwaltet das Syndikat einen Solidarfonds, der aus Beiträgen einzelner Hausprojekte gespeist wird. Der Fonds unterstützt neu gebildete oder in Planung befindliche Projekte durch Öffentlichkeitsarbeit, Beratung und Eigenkapital bei Gründung einer Haus GmbH. Außerdem sind „Altprojekte“ in Form von stillen Beteiligungen an neuen beteiligt, d.h. sie tragen einen Teil der Verluste der neuen Häuser mit.
Diskutiert wird die Gründung einer Miethäuser Syndikat Aktiengesellschaft. Die AG steht für die Idee des Syndikats und soll Projekten die Finanzierung erleichtern. Der Erlös aus dem Verkauf der Aktien wird dabei nicht einem einzelnen Projekt zufließen, sondern vielmehr allen Syndikatsprojekten mit Finanzierungsbedarf.

Das Beispiel Grether Ost

Grether Ost in Freiburg besteht als Initiative seit 1991 und ist seit 1995 eines der Mietshausprojekte im Syndikat. Auf dem Areal einer ehemaligen Eisengießerei, inmitten des sich rapide wandelnden Bahnhofsviertels, entstehen preisgünstige Mieträume für Menschen und Initiativen mit wenig Geld, insgesamt 1500 qm Wohnraum und 1100 qm Gewerberaum. Dies alles zu tragbaren Mieten und in Eigenregie: Entscheidungen über Miethöhe, Neuvermietung, Umbau, Gestaltung gemeinschaftlicher Räume, Finanzierung … sind Sache aller MieterInnen.
Nach einer aufwendigen Altlastensanierung sind bisher zwei große Wohnungen fertiggestellt, sowie Räume für zwei Kindertagesstätten, das Frauen- und Mädchengesundheitszentrum, eine Schreinerwerkstatt und das freie Radio Dreyeckland. Der Umbau wird in Eigenregie von 20 Frauen und Männern durchgeführt. Die Mieten von Grether Ost sollen dauerhaft auf dem unteren Niveau des sozialen Wohnungsbaus liegen (derzeit 9 DM/qm). Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Kosten für Zinsen und Tilgung geliehener Gelder extrem niedrig sein. Die Kosten für Kauf, Sanierung, Um- und Neubau sind auf 8,5 Mio. DM kalkuliert. Neben Darlehen für sozialen Wohnungsbau finanziert sich Grether Ost über Gelder, die dem Projekt von Einzelpersonen und Gruppen direkt und zinsgünstig, also ohne die Zwischenschaltung der Banken, zur Verfügung gestellt werden.
Dabei kann sich Grether Ost auf drei verschiedene Finanzierungsinstrumente stützen: den Direktkredit, das Kindersparbuch und den Gießereihallenfonds. Fast schon Tradition dient der Direktkredit nicht nur Grether Ost, sondern allen Syndikatsprojekten zur Geldbeschaffung. Er ist eine flexible Anlagemöglichkeit mit einer Laufzeit von mindestens drei Monaten und einem Mindestbetrag von 1000 DM bei einer Verzinsung von höchstens 3% p.a. Ähnlich funktioniert das Kindersparbuch. Zielgruppe sind Menschen, die für Kinder Geld anlegen wollen, z.B. den Führerschein, die Ausbildung oder einfach als Absicherung.
Seit 1.Juli 2000 ist der Grether Ost Gießereihallenfonds, ein geschlossener Beteiligungsfonds, der innerhalb eines Jahres 1 Mio. DM sammeln soll, aufgelegt. Er wendet sich an Menschen, die für mindestens 7 Jahre 2000 DM bei einem Ertrag von 300 DM festlegen wollen. Durch lange Laufzeit wird das Geld zu einer festen Größe im Finanzierungsplan von Grether Ost und dient, ganz speziell, dem nächsten Bauabschnitt: der Gießereihalle.

Solidarökonomie

Hausprojekte sind in den ersten Jahren durch Kauf und Umbau finanziell stark belastet, da in der Regel wenig Eigenkapital vorhanden ist. Mit den Mieteinnahmen müssen anfallende Zinsen und die Tilgungsraten der Kredite finanziert werden. Doch nach einigen Jahren entstehen selbst bei niedrigen Mieten Überschüsse. Nur den eigenen Schornstein im Blick wäre eine Mietsenkung die nächstliegende Idee. Der Blick über den Gartenzaun zeigt aber einen enormen Bedarf an weiteren Häusern und Grundstücken, um auch anderen die Verwirklichung ihrer Träume vom selbstorganisierten Zusammenleben zu ermöglichen. Deshalb wird der Spielraum, der bei gleichbleibender oder gar steigender Miete entsteht, nicht privatisiert, sondern solidarisiert. Bei sinkender Kapitallast steigt der Solidarbeitrag, der anderen Projekten zur Verfügung gestellt wird. Die langfristige Idee ist ein Finanzierungsmodell, das von vielen Projekten getragen wird und so ganze Häuser neu finanzieren kann.
Solange dies noch Zukunftsmusik ist, entwickelt das Mietshäuser Syndikat alternative Finanzierungsmöglichkeiten: Formen, die zwar der Kapitalmarkt entwickelt hat, die aber nach den Prinzipien der Solidarökonomie ausgestaltet werden. Auch in Zeiten des Aktienfiebers gibt es viele Leute, die nicht nur absahnen wollen, sondern nach Geldanlagen suchen, die ihren eigenen politischen Vorstellungen entsprechen.
Die Idee der Solidarökonomie beinhaltet, daß bewußt auf materiellen Gewinn verzichtet wird zugunsten eines gesellschaftlichen Gewinns: eine Investition in gemeinschaftliche Räume und Ideen für eine gerechtere Gesellschaft. Es geht um ein finanzielles Engagement von Leuten, bei denen die politische Verantwortung nicht beim Geldbeutel aufhört. Dabei sind nicht nur Großfinanziers gefragt, vielmehr bringt eine „peanuts company“ die Grundidee der Solidarökonomie am besten zum Ausdruck: ein Modell, das auf der Basis kleiner Beträge, niedrigem Ertrag und möglichst langfristiger Anlage eine große Summe zur Verfügung stellt.
Für viele alternative Projekte war und ist diese Art der solidarischen Beteiligung die einzige realistische Startfinanzierung und langfristig die Sicherheit, daß die Projektidee nicht unter die Räder kapitalistischer Sachzwänge gerät.