Grether Ost Gießereihallenfonds

contraste September 2000

Freiburg Mietshäuser Syndikat legt Fonds zur Finanzierung selbstorganisierter Projekte auf

Unter dem Motto „Die Million, die uns fehlt“ wurde in Freiburg der Grether Ost Gießereihallenfonds aufgelegt. Der geschlossene Beteiligungsfonds läuft seit 1.Juli 2000 und soll innerhalb eines Jahres 1 Mio. DM sammeln und dem selbstorganisierten Mietshausprojekt Grether Ost für den weiteren Umbau zur Verfügung stellen. Grether Ost besteht als Initiative seit 1991 und ist seit 1995 eines der 7 Mietshausprojekte im Raum Freiburg, die im Syndikat zusammengeschlossen sind. Auf dem Areal einer ehemaligen Eisengießerei, inmitten des sich rapide wandelnden Bahnhofviertels, entstehen insgesamt 1500 qm Wohn- und 1100 qm Gewerberaum. Wie alle Projekte im Syndikat läuft die innere Organisation autonom: Entscheidungen über Miethöhe, Neuvermietung, Umbau, Gestaltung gemeinschaftlicher Räume, Finanzierung … sind Sache der MieterInnen. Eigentümerin ist die Grether Ost GmbH, die aus dem Hausverein der MieterInnen und dem Syndikat besteht. Das Syndikat hat die alleinige Aufgabe, durch ihr Vetorecht Verkauf und Privatisierung zu verhindern. Die Kosten für Kauf, Sanierung, Um- und Neubau sind auf 8,5 Mio. DM kalkuliert. Neben Darlehen für den sozialen Wohnungsbau finanziert sich Grether Ost über Gelder, die dem Projekt von Einzelpersonen oder Gruppen direkt und zinsgünstig, also ohne die Zwischenschaltung von Banken, geliehen werden.

Im Moment stellen ca. 150 DarlehensgeberInnen insgesamt 3,5 Mio. DM in Form von Direktkrediten zur Verfügung. Der Direktkredit ist eine sehr flexible Anlagemöglichkeit; die Gelder haben unterschiedlichste Laufzeiten (mindestens 3 Monate), je nach Wunsch der KreditgeberInnen. Für Grether Ost hat das zur Folge, daß regelmäßig umgeschuldet werden muß, also gekündigte Direktkredite durch neue ersetzt werden müssen. So kam die Idee einer zusätzlichen Finanzierungsform auf, die längere Laufzeiten und damit eine größere Planungssicherheit garantiert.

Der neu gegründete Fonds wendet sich an Menschen, die 2000 DM für 7 Jahre festlegen wollen. Durch Kauf von Anteilen können sie dem Fonds beitreten. Das Gesellschaftsvermögen geht als verzinster Kredit direkt an Grether Ost und wird dort zu einer festen Größe im Finanzierungsplan. Die Fondsgesellschafter erhalten nach 7 Jahren einen Ertrag von 300 DM pro Mindestanteil, eine Summe, die zugegebenermaßen mit der Rendite aus anderen – auch sogenannten ethischen – Geldanlagen nicht mithalten kann. Eine höhere Rendite würde allerdings direkt an die Substanz der Syndikatsidee gehen: Gebäude und Grundstücke sollen nicht nur auf Dauer dem Immobilienmarkt entzogen und in gemeinschaftlichem Besitz der MieterInnen erhalten werden. Die entstehenden Räume sollen gerade auch für Menschen und nicht kommerzielle Betriebe mit wenig Geld bezahlbar sein, d.h die Mieten sollen auf dem unteren Niveau des sozialen Wohnungbaus liegen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Kosten für Zinsen und Tilgung von Krediten extrem niedrig sein.
Auch wenn Hausprojekte in den ersten Jahren durch Kauf und Umbau finanziell stark belastet sind, entstehen nach einigen Jahren durch sinkende Kapitalkosten selbst bei niedrigen Mieten Überschüsse. Nur den eigenen Schornstein im Blick wäre eine Mietsenkung die nächstliegende Idee. Der Blick über den Gartenzaun zeigt aber einen enormen Bedarf an weiteren Projekten, in denen ein selbstorganisiertes Leben möglich wird. Deshalb wird der Spielraum, der bei gleichbleibender oder sogar steigender Miete entsteht, nicht privatisiert, sondern solidarisiert und anderen Initiativen zur Verfügung gestellt. Die langfristige Idee ist ein Modell, das von vielen Projekten getragen wird und so ganze Häuser finanzieren kann.

Solange dies noch Zukunftsmusik ist, setzt das Mietshäuser Syndikat auf das solidarische Engagement von außen, auf Leute, die auch in Zeiten des Aktienfiebers nicht nur absahnen wollen, sondern nach Geldanlagen suchen, die ihren eigenen politischen Vorstellungen entsprechen. Dabei sind nicht nur Großfinanziérs gefragt, vielmehr bringt eine „peanuts company“ die Grundidee der Solidarökonomie am besten zum Ausdruck: ein Modell, das auf der Basis kleiner Beträge, niedrigem Ertrag und möglichst langfristiger Anlage eine große Summe zur Verfügung stellt.
Die Rechnung ist einfach: 500 X 2000 = die Million, die uns fehlt!