Nach 20 Jahren kehrt Ruhe ein

Badische Zeitung 29.10.2005

Nach 20 Jahren kehrt Ruhe ein

Barrierefreies Haus ist der letzte Neubau im Grethergelände.

Samstag Richtfest auf dem Grethergelände

von Beate Beule

INNENSTADT. Zu tun geben wird es auf dem Gelände der ehemaligen Gretherfabrik an der Adlerstraße auch in Zukunft noch einiges. Aber das sind nur noch Feinheiten. Am heutigen Samstag wird nach mehr als 20 Jahren ein Stück ungewöhnlicher Baugeschichte zu Ende gehen: Dann werden die Bewohner des südwestlichen Innenstadt-Areals den letzten Neubau der vielen selbstverwalteten Grether-Projekte einweihen.

In zwei Jahren Bauzeit hat die projekteigene Baugruppe ein viergeschossiges Wohnhaus errichtet. Ein Drittel der zukünftigen Mieter werden behinderte Menschen sein. Denn: Der Neubau ist vollständig barrierefrei. Aufzug, extrabreite Türen oder ein Wendehammer im Bad sorgen dafür, dass sich auch Rollstuhlfahrer in den Wohnungen und auf den Balkonen frei bewegen können. „Die behinderten Menschen werden das Leben auf dem Grethergelände noch mehr bereichern“, sagt Christina Beckmann, Öffentlichkeitsarbeiterin vom Bauträger „Grether Ost“.
Elf Erwachsene und sieben Kinder werden in die acht Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen einziehen. Die jetzigen Bewohner des Areals haben die neuen Mieter ausgesucht. Schließlich geht es auf dem Fabrik-Gelände um mehr als nur ums Wohnen: Die insgesamt rund 100 Mieter verwalten die Häuser selbst, kümmern sich eigenständig um Instandhaltung und Verwaltung. 1983 hat die erste Grether-Baugruppe mit dem Ausbau der ehemaligen Maschinenhalle begonnen. Von da an wurden alle alten Gebäude der Fabrik nach und nach zu Wohnungen und Werkstätten um- und ausgebaut – in Eigenregie und mit dem Ziel, hier bezahlbaren Wohn- und Arbeitsraum zu schaffen und auf Dauer zu erhalten.

Nur rund fünf Euro Kaltmiete pro Quadratmeter und Monat werden die Bewohner des Neubaus zukünftig bezahlen. Die Wohnungen sind öffentlich gefördert. Der Rest des Geldes für den Neubau stammt aus Direktkrediten von „Grether Ost“. Der Bauträger hat sich verpflichtet, die Sozialbindung nicht nach der gesetzlichen Frist von zehn Jahren aufzulösen. „Es muss auch für behinderte Menschen bezahlbare Wohnungen geben“, sagt Beckmann: „In Freiburg herrscht da ein echter Mangel.“ Auch die Spekulation mit der Immobilie in bester Innenstadtlage ist vertraglich ausgeschlossen: Das Haus gehört „Grether Ost“, die Mieter selbst sind neben dem „Dachverband“ Mietshäuser Syndikat die Gesellschafter der GmbH.

Mit dem barrierefreien Neubau wurde die letzte Baulücke auf dem Grether-Gelände geschlossen. Damit kehrt nach mehr als 20 Jahren Ruhe ein. „Es ist schön, nach so langer Zeit auch einmal eine Phase abzuschließen“, sagt Beckmann. Weniger begeistert vom Ende der Bauarbeiten sind die sieben Mitglieder der projekteigenen Baugruppe. Sie sind jetzt arbeitslos. Dennoch blicken sie nicht pessimistisch in die Zukunft: Sie wollen sich gemeinsam selbstständig machen und weiterhin Häuser neu- oder umbauen, vorzugsweise bei Grether-ähnlichen Projekten.

Einweihungsfeier am Samstag ab 15 Uhr auf dem Gelände der Gretherfabrik in der Adlerstraße. Es besteht die Möglichkeit, den Neubau zu besichtigen.