Ö-Punkte Ausgabe Dezember 2001

Ö-Punkte Ausgabe Dezember 2001

Das Freiburger Mietshäuser Syndikat

Seit nunmehr fast 10 Jahren existiert das Freiburger Mietshäuser Syndikat, ein Solidarzusammenschluss selbstorganisierter Mietshäuser. Neun Projekte sind seither auf den Weg gebracht worden, im letzten Jahr zunehmend auch in anderen Städten. Ein Interview mit AktivistInnen vom Freiburger Mietshäuser Syndikat (MS).

Frage: Was ist das Mietshäuser Syndikat?

MS: Das Freiburger Mietshäuser Syndikat berät überregional selbstorganisierte Hausprojekte und daran interessierte Menschen, und beteiligt sich an solchen Hausprojekten, damit diese dem Immobilienmarkt entzogen werden. Das Syndikat hilft bei der Finanzierung, initiiert neue Projekte und verwaltet 2 Fonds, den Solidarfonds für neue Projekte, und den Gießereihallenfonds für das bestehende Projekt Grether Ost. Geplant ist die Gründung einer Aktiengesellschaft zur Finanzierung von selbstorganisierten Hausprojekten.

Frage: Wie ist das Syndikat entstanden und wie viele Mitglieder hat es?

MS: Das Syndikat in seiner heutigen Form wurde 1992 als „Mietshäuser in Selbstorganisation“ gegründet und besteht aus 150 Einzelpersonen und Gruppen, die die politischen Ziele des Syndikats unterstützen. Alles fing mit der Grethergelände in Freiburg an: Ende der 70er Jahre sollte die alte Eisengießerei auf dem Grethergelände abgerissen werden. Es hat sich eine Initiative, aus der später die Grether Baukooperative hervorging, zusammengefunden, um den Abriss zu verhindern und daraus ein selbstverwaltetes Projekt zu machen. Das Gebäude wurde in Wohnungen und Gewerberäume umgebaut. Nach der Gebäudefertigstellung und dem Scheitern der Häuserkämpfe in Freiburg überlegten sich die Leute von der Grether Baukooperative neue Perspektiven. Wie kann ein offensives Rangehen an alte Gebäude funktionieren, um diese in selbstorganisierte Mietshäuser umzugestalten? Sie kamen dann darauf, dass das, was an wirtschaftlichen Möglichkeiten bei Projekten entsteht, an Überschuss, neuen Projekten zur Verfügung gestellt wird.Das war die Geburtsstunde des Solidarfonds und der Anfang des Syndikats; auch als eine Möglichkeit, sich weiterhin in eine laufende Stadtpolitik einzumischen und andere Wohn- und Eigentumsformen durchzusetzen.

Frage: Was ist das Besondere an eurem Modell?

MS: Es gibt einzelne, autonome Hausprojekte, an denen das Syndikat beteiligt ist. Das ist schön übersichtlich. Jedes Projekt ist selbst verantwortlich für seine Finanzen und Verwaltung. Diese Autonomie ist nur für den Fall eingeschränkt, dass die NutzerInnen ihr Haus zu Schotter machen wollen. Das funktioniert dann so, dass sowohl das Hausprojekt, als auch das Syndikat, dem Verkauf zustimmen muß. Da eine zentrale Aufgabe des Syndikats die ist, einen Hausverkauf zu verhindern, wird sowas nie zustandekommen. Noch eine Besonderheit ist der Aufbau eines Solidarfonds, indem die Überschüsse aus den laufenden Projekten, die zwangsläufig irgendwann entstehen, wenn die Mieten nicht radikal abgesenkt werden, genommen werden, um neu entstehende Projekte zu initiieren: der Einstieg in eine andere Wohnungswirtschaft, in eine Solidarwirtschaft.

Frage: Welche Rechtsform habt ihr?

MS: Wir sind durch ein Gründungshandbuch für Alternativbetriebe damals auf die Idee gekommen, die Form der GmbH zu wählen, weil die sehr frei gestaltbar ist. Für jedes Projekt wird eine GmbH gegründet, in der sowohl die NutzerInnen in Form eines Hausvereins, als auch das Syndikat mit jeweils einer Stimme vertreten sind. Eine Veränderung des Status quo kann nur mit beiden Stimmen vorgenommen werden.

Frage: Wer kann zu euch kommen und wie läuft das dann ab?

MS: Im Prinzip können alle zu uns kommen, die ein Projekt machen wollen. Das Ganze funktioniert so, sie kommen in die Koordination und erzählen, was sie machen wollen. Entweder sie haben sich ein leerstehendes Haus ausgeguckt, oder das Haus, in dem sie wohnen, soll verkauft werden, oder sie haben eine konkrete Projektidee und suchen ein Haus oder Grundstück dazu.Dann wird zusammen überlegt, wie die Perspektiven, wo die Probleme sind, und wenn es nicht völlig verrückt oder aus irgendwelchen anderen Gründen abgelehnt ist, werden Finanzierungspläne erarbeitet und Möglichkeiten sondiert. Dann wird das Projekt in der Mitgliederversammlung vorgestellt und darüber entschieden, ob es das Gütesiegel „Projekt im Mietshäuser Syndikat“ erhält. (kicher, kicher) Die Projekte selber sehen sehr vielfältig aus. Es gibt große Projekte, da wohnen 250 Leute drin, oder ganz kleine, mit zwei Familien und sogar eine Wagenwieseninitiative. Es gibt reine Wohnhäuser , schön sind aber auch welche mit einer Mischnutzung, Wohnungen, Werkstätten, Räume für politische, soziale und kulturelle Gruppen.

Frage: Wie werden die Projekte finanziert?

MS: Es gibt bei allen Häusern eine Mischfinanzierung. Das Mietshäuser Syndikat ist über eine Einlage aus dem Solidarfonds an allen Projekten beteiligt. Das wichtigste Standbein sind jedoch die Direktkredite, das sind Gelder, die uns von Gruppen oder Einzelpersonen, also z.B. von dir, zinsgünstig zur Verfügung gestellt werden. Dadurch sind die Projekte nicht in großem Umfang gezwungen, Bankkredite aufzunehmen und können so die Mieten niedrig halten. Da es aber nicht ganz ohne Banken funktioniert, arbeiten wir mit der GLS-Gemeinschaftsbank zusammen. Perspektivisch werden sich Altprojekte mehr noch als bisher mit einer stillen Einlage an neuen Projekten beteiligen.

Frage: Wie kann man mit euch Kontakt aufnehmen?

MS: Das ist ganz einfach. Wir sind erreichbar unter:
Mietshäuser Syndikat, Adlerstraße 12, 79098 Freiburg, Tel.: 0761/281892
e-mail: info@syndikat.org, www.syndikat.org

Das Interview führte Isabella Bischoff