Wohnen im Paradies

QLT-ONLINE Konstanz #738/9 08.2008

Wohnen im Paradies

Neue Wohnformen fürs Älterwerden

„Mit 66 Jahren“, tönt Udo Jürgens „ist noch lange nicht Schluss“ und Jung und Alt fällt schlagerseelig mit ein. Doch in der Realität sieht das ganz anders aus. Noch immer herrscht der Jugendwahn in diesem unseren Lande – obwohl Politiker und Manager dabei meist zweifellos durchs Raster fallen. Schon 40-Jährige gehören im Berufsleben teilweise zum alten Eisen – und nicht nur in medialen Arbeitswelten. Dennoch wird das Rentenalter hoch gesetzt – schließlich werden wir immer älter und sehen dabei manchmal ganz schön alt aus – beruflich und privat. Obwohl wir immer jünger alt werden, voller Tatendrang und neuen Ideen. Ein neues Selbstverständis haben wir gefunden, die neuen Lebenswelten dazu müssen wir uns erst noch schaffen.

Vorreiter dieser neuen Lebensentwürfe sind oftmals Frauen, die entweder Ehe und Familie hinter sich oder Zeit ihres Lebens auf diese spezielle „Sicherheit“ verzichtet haben. So gründeten auch in Konstanz 14 Frauen 2004 den Förderverein WiB e.V. – Wohnen im Blick – mit dem Ziel, gemeinschaftliches Wohnen von Frauen fürs Alter zu fördern. Gefunden haben sich zwei Generationen „wahlverwandter“ Frauen, teilweise schon in Rente, teilweise noch im Berufsleben, die nicht oder nicht mehr alleine wohnen und die auch nicht von ihren Kindern abhängig sein möchten.
Schon vor 7 Jahren ist die Idee entstanden, bei einem Informationsabend im Treffpunkt Petershausen zeigten denn auch gleich etwa 30 Frauen Interesse an einer neuen Wohn- und Lebensform. Regelmäßige Treffen folgten, es wurden Ideen gesammelt und dabei kristallisierte sich natürlich auch heraus, wem es wirklich ernst ist mit der Umsetzung. Doch erst nach Gründung des Fördervereines ging es so richtig voran. Zunächst machten sich die Frauen, die aus den unterschiedlichsten Bereichen kommen, auf die Suche nach einem adäquaten Wohnhaus, in dem sie ihre Idee des gemeinschaftlichen Wohnens als Hausgemeinschaft verwirklichen wollten. Etwas Passendes ließ sich in Konstanz jedoch nicht finden.
Schließlich wollen die Frauen zwar zusammen leben, dabei aber auch Freiräume erhalten und die unterschiedlichsten Persönlichkeiten „unter einen Hut“ bzw. unter ein Dach bekommen. Von Anfang an mit dabei ist z.B. Tonie Maier, die als Berufsschullehrerin tätig ist, ebenfalls noch im Berufsleben ist Andrea Siedow, Leiterin eines Kinderhauses. Erika Fresen-Filthaut kam erst 2003 nach Konstanz, ist Juristin und Mediatorin und für sie stellt dieser Wohn- und Lebensentwurf auch eine Art politische Verwirklichung dar. Momentan sind die Frauen zwischen 53 und 68 Jahren alt, zwei davon haben schon Enkelkinder. Die Idee des Zusammenlebens im Alter stößt dabei nicht immer auf Verständnis. Meist sind die Töchter begeistert, die Söhne eher etwas skeptisch und vor allem Bekannte in traditionellen familiären Strukturen können den neuen Lebensentwurf nicht so ganz nachvollziehen.
Die tragende Idee war und ist, dass durch das gemeinsame Wohnen in einer Hausgemeinschaft, die Einzelne immer wieder körperliche und geistige Anreize bekommt, neue Impulse und Anregungen. Das ist nicht nur eine Bereicherung, sondern hält auch länger beweglich und gesund. Durch gegenseitige Unterstützung und gemeinsame Aktionen wird auch der Isolation und Vereinsamung entgegen gewirkt. Äußerst positiv ist dabei auch die große Altersspanne von fast 20 Jahren. So gehören zum Konzept nicht nur die eigenen Wohnungen, sondern eben auch Gemeinschaftsräume.

Die aktiven Frauen von WiB stießen dann auf das „Mietshäuser Syndikat“ und deren Hausprojekte. Das Mietshäuser Syndikat aus Freiburg unterstützt ganz unterschiedliche Hausprojekte, denen jedoch eines gemein ist – der Wunsch nach einem Haus, in dem es sich selbstbestimmt leben lässt, dem nicht die Zwangsräumung droht und in dem die Mieten bezahlbar bleiben. Es wird nicht Eigentum geschaffen, sondern bezahlbarer Mietwohnraum. Das Mietshäuser Syndikat unterstützt seit fast 20 Jahren die Realisierung gemeinschaftlicher Mietwohnprojekte in der Rechtsform der GmbH, Gesellschafter sind jeweils der Hausverein und das Mietshäuser Syndikat. Im Hausverein sind alle Bewohner Mitglied, denn hier wird gleichberechtigt entschieden, was sowohl die Gestaltung des Zusammenwohnens, als auch Entscheidungen bei Mieterwechsel betrifft. Nur in einem hat das Mietshäuser Syndikat Veto-Recht, und diese Stimme richtet sich gegen eine Reprivatisierung der Immobilie, d.h. aus den Wohnungen darf nicht privates Wohneigentum werden – sie müssen als Mietwohnraum im gemeinschaftlichen Besitz erhalten bleiben. Mit dem neuen Wohnprojekt in Konstanz soll auch ein Zeichen gesetzt werden, dass es möglich ist, Wohn- und Lebensraum für Ältere zu sozialverträglichen Mieten zu schaffen.

In Konstanz wurde nun ein „paradiesischer“ Bauplatz gefunden – quasi am unteren Eingang zum Paradies und so kann das Wohnprojekt „Schänzle“ zum Brückenkopf werden. Es besteht ein Optionsvertrag auf das Grundstück und inzwischen erfährt die WiB auch ein hohes Entgegenkommen vom Bauamt. Baubeginn ist voraussichtlich noch diesen Sommer, Einzug im Herbst/Winter nächsten Jahres. In der Nähe zur Schweizer Grenze wird also das innovative Wohnprojekt entstehen, das neue Wege im Wohnungsbau beschreitet und damit auch den Zugang zum Stadtgebiet „Schänzle“ auf angemessene und anspruchsvolle Weise neu definiert und aufwertet. Das Gebäude steht in der Tradition von Atriumhäusern mit zentraler Erschließungshalle und „windmühlenartig“ angeordneten Wohnbereichen. Diese Gebäudetypologie spiegelt den Gemeinschaftsgedanken wider und sieht sowohl hochwertige private als auch gemeinschaftliche Bereiche vor. Neben den soziologischen Vorzügen stellt sich das Projekt auch ökologisch beispielhaft dar. Das Gebäude wird im energetisch hochwertigen Passivhaus-Standard realisiert und benötigt dadurch nur ein Minimum an Heizenergie. Auf dem begrünten Flachdach kann mit Hilfe von Solarkollektoren eine vollständige CO2-Neutralität erreicht werden. Ein Modellprojekt für die Zukunft also, ökologisch, kostengünstig, innovativ. Die Generalplanung und Betreuung des Wohnprojekts obliegt der „siedlungswerkstatt GmbH“.

Die Finanzierung erfolgt über die Banken, das erforderliche Eigenkapital kommt zusammen aus persönlichen Direktkrediten der späteren Mieterinnen, aber auch von Unterstützern des Projektes. Noch kann man sich an der Finanzierung des Wohnprojektes in der Paradieser Gottlieberstraße in Konstanz beteiligen. Wer einen Direktkredit gibt, sieht aufgrund der Bautätigkeit genau, was mit seinem Geld geschieht, wird regelmäßig informiert und ist natürlich auch beim Richtfest dabei. Das Geld kommt direkt dem Projekt zugute und man unterstützt ein zukunftsweisendes Lebensmodell und die Schaffung bezahlbaren Wohnraumes. Zudem investiert man in ein Passivenergiehaus und fördert damit einen ressourcenschonenden Umgang mit der Natur.

Dass eben doch nicht Schluss ist, haben sie bewiesen und werden sie noch beweisen, die Frauen von „Wohnen im Blick“ – engagiert und ausdauernd haben sie ein großes Ziel verfolgt und nun ist es bald so weit.
Wer jetzt noch aufspringen will, auf den Zug ins Paradies, kann dies mit einem Direktkredit tun oder meldet sich direkt bei Tonie Maier oder Monika Schickel, denn noch sind 5 Wohnungen frei – für Frauen zwischen 50 und 70, die sich für gemeinsames, solidarisches und doch eigenständiges Wohnen begeistern können.

Tonie Maier, Tel. 07531-941095, tonie.maier@t-online.de
Monika Schickel, Tel. 07531915581, schickelm@gmx.de

daniB
www.siedlungswerkstatt.de