Perspektiven

Perspektiven

Im Jahr 2015 wurde das 100. Projekt aufgenommen. 2022 können wir auf 30 Jahre zurückblicken und der Syndikatsverbund wird vermutlich bis dahin aus ca. 200 Projekten bestehen. Eine rasante Entwicklung, die uns einerseits sehr freut, andererseits auch vor Herausforderungen stellt:

Wie groß soll und kann der Verbund werden? 500 oder 1.000 Projekte? Gibt es Grenzen? Gibt es eine optimale Größe? Wir wissen es nicht, werden es aber herausfinden.

Wir sind grundsätzlich offen für neue Hausprojekte mit Wohn- und/oder anderen Flächen zur sozialen, politischen oder kleingewerblichen Nutzung und begrüßen und unterstützen derlei Bestrebungen auch im Ausland (siehe „8. Internationale Projekte“). Handlungsrichtschnur bleibt der universalistische Grundsatz „Menschenwürdiger Wohnraum, ein Dach über‘m Kopf für alle“. Solange der Syndikatsverbund Grundstücksgrenzen und die Selbstbezogenheit der einzelnen Hausprojekte verbindet, gibt es keinen Grund, an Regional- oder Ländergrenzen Halt zu machen.

Durch die dezentrale Organisation des Syndikats mit weitgehend autonomen Hausprojekten ist der Gefahr einer Machtballung beim Bindeglied Mietshäuser Syndikat GmbH ein wirksamer Riegel vorgeschoben. Regionale Strukturen können sich nach Bedarf und Interesse entwickeln.

Grenzen des Wachstums?
Das Wachstum des Mietshäuser Syndikats hat bereits zu Veränderungen im Verbund geführt. Neue Elemente wie Mitgliederversammlungen, auf denen ausschließlich neue Projektbeteiligungen beschlossen werden und die Einrichtung eines Gremiums, das bestimmte festgelegte Entscheidungen außerhalb der Versammlungen treffen kann, wurden auf den Weg gebracht.

Die Teilnehmer*innenzahl bei den Versammlungen ist teilweise auf über 300 Personen angewachsen – eine organisatorische und methodische Herausforderung. Moderationsmethoden für Großgruppen werden getestet und seit kurzem werden (coronabedingt) Online-Verfahren erprobt.

Am Konsensprinzip, einem hohen Gut innerhalb des Verbundes, wird dabei nicht gerüttelt.

Regionalisierung
Der Gesamtzusammenhang eines gemeinsamen Mietshäuser Syndikats wird nicht aufgegeben, sondern in den Regionen weiterentwickelt. Denn es ist erfrischend und anregend, die Nase aus dem Sumpf des eigenen Hausprojekts, der eigenen Stadt und des eigenen Dorfes hinauszustrecken. Einhergehend mit der zunehmenden Größe des Syndikats und seiner Mitgliederversammlungen wächst bei manchen aber auch der Eindruck einer steigenden Anonymität. Hieraus resultiert der Wunsch nach überschaubaren Strukturen. So rückt der Ausbau von regionalen Berater*innen-Strukturen zunehmend in den Vordergrund. Welche Aufgaben von regionalen Koordinationen noch übernommen werden können, finden wir gerade heraus.

Neue Entwicklungen innerhalb und außerhalb des Verbundes
Zwei Entwicklungen in den größeren Städten fallen ins Auge: Mehr Mieter*innengemeinschaften schließen sich zusammen – oft durch den drohenden Verkauf ihres Hauses alarmiert – und wenden sich an die Beratungsstrukturen des Syndikats. Des Weiteren finden sich vermehrt Gruppen zusammen, die einen Neubau errichten wollen. Der Respekt vor hohen Investitionssummen scheint kleiner zu werden. Aktuelle Projekte aus Freiburg, Mannheim, Berlin, Leipzig oder Weimar verdeutlichen das.

In einigen Städten gibt es ein Umdenken bei der Vergabe von Grundstücken. Diese werden nicht mehr nur zum Höchstpreis vergeben. Stattdessen werden moderate Preise oder ein Erbbaurecht im Zusammenhang mit inhaltlichen Anforderungen (Konzeptvergabe, sozialer Wohnungsbau) aufgerufen. Lange Sozialbindungen, die über das normale Maß hinausgehen, garantieren langfristig stabile Mieten.

Regionale Beratungsstrukturen haben sich in örtlichen Gremien immer wieder dahingehend eingebracht, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass das Syndikatsmodell bei Vergabeverfahren gleichberechtigt neben anderen Baugruppen berücksichtigt wird. Das ist u. a. in Berlin, Hamburg, Leipzig, Frankfurt a. M., Freiburg und Tübingen gelungen. In München wurde die Gleichstellung mit Genossenschaften erreicht.

Es gibt noch zwei weitere Entwicklungen, die das Eingreifen in den Bodenmarkt ermöglichen: Im Herbst 2020 wurde die Beteiligung an der Syndikatstiftung und am Ackersyndikat beschlossen.

Syndikatstiftung
Immer mehr Menschen möchten das Mietshäuser Syndikat nicht nur mit Direktkrediten, sondern auch mit Spenden, Immobilien und Vermächtnissen unterstützen. Das ist mit den bisherigen rechtlichen Strukturen nicht so einfach möglich. Die Syndikatstiftung hat zum Ziel, den sozialen Zusammenhalt und die Vielfalt in unserer Gesellschaft zu sichern und zu fördern. Soziale und materielle Faktoren gehen dabei Hand in Hand, weshalb die Stiftung auf beiden Ebenen tätig

sein will: materiell mit der langfristigen Sicherung und Bereitstellung von Grundstücken und Gebäuden, ideell mit der Unterstützung von Einzelpersonen, Gruppen und Initiativen, die auf und in diesen Flächen sozial und ökologisch nachhaltig, inklusiv, tolerant, ethischen Grundsätzen verpflichtet, emanzipatorisch, progressiv, also die Gesellschaft als Ganzes positiv weiterentwickelnd, tätig sein wollen.

Die Stiftung wird zudem vom Grundsatz der Endlichkeit des Bodens geleitet. Daraus resultiert die Überzeugung, dass dieser nicht als Ware behandelt und gehandelt werden sollte.

Der Boden ist lebensnotwendig, wie Sonne, Regen und Luft. Wohnen ist keine Ware, sondern ein Menschenrecht. Die Stiftung will ein Instrument sein für Menschen, die diese Haltung in praktisches Handeln umsetzen möchten. Die Syndikatstiftung fördert Initiativen, die Fragestellungen des Umgangs mit Grund und Boden, ökologischen Verhaltensweisen und neuen Formen des Wohnens aufnehmen. Ihre Stiftungsziele verwirklicht sie gemeinsam mit Kooperationspartner*innen im Rahmen gemeinnütziger Zielsetzungen.

Kontakt: www.syndikatstiftung.org

Ackersyndikat
Das Land denen, die es beackern! Wer Boden entprivatisieren will, muss auch landwirtschaftliche Flächen im Blick haben. Diese lassen sich nicht mit dem Mietshäuser Syndikat vergesellschaften, unter anderem, weil das Grundstücksverkehrsgesetz einen Verkauf landwirtschaftlicher Flächen an nicht landwirtschaftliche Organisationen verbietet.

Daher wird mit dem Ackersyndikat ein Solidarverbund aufgebaut, der an die Rahmenbedingungen der Landwirtschaft angepasst ist. Mit der Förderung von ökologischer Bewirtschaftung ist auch ein Grund für Gemeinnützigkeit gegeben. Wie das MHS basiert auch das Ackersyndikat auf Selbstorganisation und Projektautonomie und garantiert die Unverkäuflichkeit der Hofprojekte.

Land und Höfe als Gemeingut – dezentral, selbstorganisiert und solidarisch.

Kontak: kontakt@ackersyndikat.org