Das Syndikat in Betrieb

Das Syndikat in Betrieb

Mietshäuser Syndikat Verein

Über die Beteiligung des Syndikats an der Gründung einer Haus-GmbH entscheidet grundsätzlich die Mitgliederversammlung des Vereins Mietshäuser Syndikat. Die neuen Initiativen stellen dort ihre Projektidee vor. Voraussetzungen für einen Beteiligungsbeschluss sind Selbstorganisation, Ausschluss der Wiedervermarktung durch Vetorecht des Syndikats und Beteiligung am Solidartransfer durch Zahlung des Solidarbeitrags, und Weitergabe von Know-how u. Ä. Der Rauswurf von Altmieter_innen sowie die Verknüpfung des Einzugs an finanzielle Bedingungen stellen hingegen Ausschlussgründe für eine Beteiligung dar. Die Vielfalt der Wohn- und Lebensentwürfe in den unterschiedlichen Projekten ist eine der Stärken des Syndikatsverbundes. Das heißt aber nicht, dass es keine Grenzen gibt; über jeden Beteiligungsbeschluss wird im Einzelfall entschieden. Völlig abgelehnt sind Fälle wie das „selbstorganisierte“ Projekt einer kommerziellen Bauträgerfirma, das anti-emanzipatorische Projekt einer Psycho-Sekte oder, noch krasser, das einer Neonazi-Kameradschaft.

Die Mitgliederversammlungen finden je nach Bedarf etwa drei- bis viermal im Jahr an unterschiedlichen Orten statt. Die MV wird immer auf ein Wochenende gelegt und bietet auch Raum für Austausch, Beratung, Arbeitsgruppen, Workshops, gegenseitige Hilfen und nicht zuletzt auch Gelegenheit zum Kennenlernen von Menschen aus anderen Projekten oder Einzelmitgliedern.

Mietshäuser Syndikat GmbH

Die Mitgliederversammlung fungiert auch als alleiniges Entscheidungs- und Kontrollorgan der Mietshäuser Syndikat GmbH und erteilt Weisungen an deren Geschäftsführung. Die Mietshäuser Syndikat GmbH dient aus rechtlichen Gründen als ökonomischer Arm und Firma des ideellen Vereins, dem sie zu 100% gehört. Sie hält formell die Beteiligungen an den Haus-GmbHs und unterhält als Koordinationsstellen die Syndikatsbüros.

Projektberatung

Die Beratung und Begleitung einer Hausinitiative erfolgt grundsätzlich kostenlos und wird ehrenamtlich von engagierten Aktivist_innen erledigt.

Klassisches Beispiel: Die Mieter_innen eines Hauses wollen ihrem Hausbesitzer die Bürde des Eigentums abnehmen und kontaktieren das Syndikat. In gemeinsamen Treffen mit den Mieter_innen werden Machbarkeit und Finanzierungsmöglichkeiten geklärt, Projektkonzept und Baupläne durchgesprochen, Feinheiten des Organisationsmodells erklärt, Fragen zur laufenden Haus- und Finanzverwaltung beantwortet und beim GmbH- und Kaufvertrag mitgewirkt. Eine intensive Beratung, der Transfer von Know-how und die Vorstellung und Diskussion der Projektidee auf einer Mitgliederversammlung sollen schon im Vorfeld verhindern, dass ein Projekt scheitert. Aber: Die Arbeit wird der Initiative nicht abgenommen, auch nicht die Verantwortung und die Entscheidungen. Das Syndikat hilft nicht bei Gruppenfindungsprozessen oder bei der Wohnraum- und Immobilienvermittlung.
Die Projektgründungsphase ist häufig ein jahrelanger Prozess, der durchaus scheitern kann: So musste die Gruppe um den Eilhardshof in Neustadt an der Weinstraße 2010 Insolvenz anmelden (siehe auch Kap. „Ein Projekt scheitert“). Neben finanziellen Engpässen können auch personelle Unstimmigkeiten zu einer großen Belastung für eine Projektgruppe werden. In vielen Projekten wird die Gruppenstruktur in der Bauphase geprägt. Sie verfestigt sich oftmals unter dem Primat von Sachzwängen und fern gedachter Grundsätze.

Aufkommende Konflikte werden in der Folge als Bedrohung empfunden statt als Normalfall, mit dem es konstruktiv umzugehen gilt. Solidarisches, hierarchiefreies, vorurteilsfreies, respektvolles Verhalten unterliegt einem mühsamen Lernprozess. Hierbei können sich Projekte auch schon in der Gründungsphase gegenseitig unterstützen. Und natürlich ist auch das Syndikat selbst nicht vor Fehlentwicklungen gefeit; was für die einzelnen Projekte gilt, gilt auch für den ganzen Verbund.

Beratungsarbeit ist der umfangreichste Teil der Syndikatsarbeit. Der Beratungsaufwand für ein Projekt ist extrem unterschiedlich, je nach Projektsituation und personellen Ressourcen sowohl bei der Initiativgruppe als auch beim Syndikat. Mittlerweile finden vor jeder Mitgliederversammlung Treffen der Berater_innen und Aktiven statt, um sich auszutauschen und aktuellen Entwicklungen Rechnung zu tragen.

Regionale Beratung und Regionale Koordinationen

Beratung und andere Aufgaben werden mit zunehmender Regionalisierung immer häufiger von Menschen aus den Projekten vor Ort und den Regionalen Koordinationen übernommen, die
gleichzeitig auch als Anlaufstellen für Syndikatsinteressierte dienen. Anfragen aus Regionen ohne Regionale Koordination können auch an ein Hausprojekt in der Nähe gestellt werden.

Arbeitsgruppen

Neben Beratung oder der Teilnahme an einer Regionalen Koordination gibt es weitere Möglichkeiten, aktiv beim Syndikat mitzumachen, z. B. in einer der verschiedenen Arbeitsgruppen. Es gibt einige Arbeitsgruppen, die schon seit mehreren Jahren existieren, etwa zu den Themen internationale Kontakte, Konflikte & Soziales und Struktur des Syndikats, aber auch neu gegründete wie zur Flüchtlingssituation und zu Genderthemen, oder auch solche, die eher verwaltungstechnischer Natur sind wie die Besprechung der Bilanzen und der Solidarzahlungen. Die Struktur der Arbeitsgruppen im Syndikat ist dynamisch und ändert sich regelmäßig; gut möglich, dass in der nächsten Broschüre an dieser Stelle eine ganz andere Liste steht.

Politische Unterstützung

Dass sich eine Projektinitiative ein leeres Haus auf Grund einer Kleinanzeige kauft, soll schon vorgekommen sein, ist aber die seltene Ausnahme. Die Regel sind meist langwierige
Auseinandersetzungen mit Privateigentümer_innen. Diese haben oft exorbitante Preisvorstellungen für ihren Reihenhauspalast oder können schwer ertragen, dass „ihr Haus“ in die Hände eines Kollektivunternehmens der Mieter_innen gerät. Auch einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft, die an Stelle von preiswerten Kommunalwohnungen Eigentumswohnungen bauen und verkaufen will, um Haushaltslöcher zu füllen, ist schwierig beizukommen. Eine besonders knifflige Aufgabe steht an, wenn für den Erhalt des Hauses erst noch ein Bebauungsplanentwurf zu Fall gebracht werden muss.

Damit Projekte bei politischen Auseinandersetzungen und anderen schwierigen Situationen eine bessere Chance haben, unterstützt das Syndikat auch gerne offensiv: Den Konflikt öffentlich machen, Verbündete suchen, Aktionen überlegen usw. Bei komplizierten Verhandlungen mit Eigentümer_innen oder Behörden helfen Aktivist_innen des Syndikats mit ihren Erfahrungen aus anderen Projekten, um geeignete Strategien gemeinsam auszuklügeln. Durch die Öffentlichkeitsarbeit werden das Projektkonzept und die Ideen des Syndikats vor Ort verbreitet, außerdem für die Unterstützung bestehender und anderer neuer selbstorganisierter Mietshausprojekte geworben: durch Flugblätter, Pressearbeit, Veranstaltungen und Workshops und nicht zuletzt durch Broschüren wie diese.

Nicht in jedem Fall führen die gemeinsamen Anstrengungen von Projektgruppe und Syndikat zum Erfolg, immer wieder geht der eine oder andere Kampf gegen Profitinteressen und politische Blockaden verloren, z. B. bei der Initiative „Rathaussterne“ für die ehemalige Polizeiwache in Berlin-Lichtenberg.

Politische Auseinandersetzung

Viele Menschen aus dem Syndikatsverbund engagieren sich stadtpolitisch auch in anderen Zusammenhängen. Der Bauverein „Wem gehört die Stadt?“ beispielsweise erarbeitet als wohnungspolitische Initiative in Freiburg anhand konkreter Projekte und Konflikte Alternativen zur üblichen Verdrängungsökonomie und versucht in den neuen Baugebieten gegen die Bauträger-Lobby Mietshausprojekte durchzusetzen, wie z. B. aktuell das 3HäuserProjekt.

Auch die Teilnahme an Veranstaltungen, Workshops und Kongressen, wie z. B. zur Solidarischen Ökonomie oder zur Stadtentwicklung sind sehr erwünschte Aktivitäten unter dem Label des Mietshäuser Syndikats.